Ein neues Miteinander

Katrin Clemen und Bettina Bohls (Mitte) mit Teilnehmern ihrer Kurse und Einzelstunden.
Katrin Clemen und Bettina Bohls (Mitte) mit Teilnehmern ihrer Kurse und Einzelstunden.
Foto: WAZ FotoPool

Fischlaken..  Katrin Clemen ist hin- und hergerissen. Zwischen großer Wut - und ebenso großer Begeisterung. Vor zwei Jahren hat sie „Präsenz“ gegründet. Eine Schule für Kommunikation und Körpersprache. Mitten in der Natur, auf einem Bauernhof. Mitten in Fischlaken, zwischen Feldern und Weiden.

Wütend ist sie, weil sie „eine öffentliche Diskussion anstoßen will und immer noch zu wenig gehört wird“. Sie will über Menschen reden, die verletzt sind, traumatisiert, die Depressionen haben und Angstzustände, und - „die ohne Begleitung sind, allein gelassen werden“, sagt sie. „Man muss anfangen, darüber nachzudenken, dass nicht wir krank sind, sondern die Umstände.“ Heutzutage gehe es nur noch ums Funktionieren - „horrende Summen werden jährlich für Anti-Depressiva ausgegeben - auch das macht mich wütend“, sagt sie.

Gemeinsam mit Freundin Bettina Bohls bietet sie in ihrer Schule Kurse an, Einzelstunden - gemeinsam mit ihren Trainern, den Pferden. Authentisch sein, zu sich selbst finden, zur Ruhe kommen - mit keinem anderen Tier könne man so behutsam, aber eben auch so effektiv, in eine innere und äußere Aufrichtung kommen, „klar werden in Kommunikation und Körpersprache“.

Hjördis ist eine von Katrin Clemens Kundinnen. Die 26-Jährige hat Einzelstunden genommen. Angespannt sei sie gewesen, habe die Schultern immer hochgezogen. Noch vor zwei Jahren wurde sie wegen ihrer Depressionen in eine Klinik eingewiesen, musste drei Monate dort bleiben. Die Krankheit verschwand nicht. Hjördis nahm weiter Anti-Depressiva, konnte nachts nicht schlafen, bekam auch dagegen Tabletten. Irgendwann ging es nicht mehr. „Meine Ärztin konnte nichts mehr tun, wollte mich wieder einweisen...“ Da hörte die junge Frau von Katrin Clemen und ihrem Konzept. „Nach wenigen Wochen konnte ich die Medikamente absetzen, fühlte mich nach jedem Besuch gut. Das war für mich der Rettungsanker.“

Auf eine neue Art und Weise mit Pferden Kontakt aufzunehmen, war für Josef der Anlass, sich auf den Weg nach Fischlaken zu machen. Der 63-Jährige erzählt: „Ich will wissen, ob ich mit Pferden leben kann oder nicht. Und hier gehe ich immer einige Schritte auf dem Weg zu mir selbst.“ Außerdem ist er gespannt, zu sehen, „was hier noch alles passieren wird“.

Denn Katrin Clemen ist nicht nur wütend, sondern auch enthusiastisch. Denn sie hat Pläne. Solche, die schon bald umgesetzt werden. Und solche, die in die Rubrik Vision gehören.

Greifbar ist die neue Form der Mitgliedschaft bei „Präsenz“. Und die gibt es gleich in vier Stufen, „aber ohne Vereinsmeierei“. Etwas Beständiges will sie anbieten, den Hof und die Tiere zu einem Zentrum machen.

Mitgliedschaft eins richtet sich an Pferdebegeisterte, die „an drei Tagen in der Woche freien Zugang zum Stall, zu den Weiden und zu den Pferden haben“. Mitgliedschaft zwei ist quasi ein Partnerschaftsangebot, Mitgliedschaft drei richtet sich an Menschen, die gerne mal sonntags mit anderen netten Menschen (und Tieren) Kräfte sammeln möchten, und „Seele baumeln“ ist die vierte Mitgliedschaftsform: Abendspaziergang über die Weide, einfach mal nur so im Heu liegen, Meditation, Rituale, Übungsgruppenstunden...

Anne-Maria (49) hat bei Katrin Clemen Einzelstunden genommen, und „zum ersten Mal ein Pferd gestriegelt“. Ihre Therapeutin hatte ihr die Fischlaker Schule empfohlen, und „mittlerweile ist Katrin für mich zu einer Seelendolmetscherin geworden, denn ich finde es schön, dass ich von ihr zu hören bekomme, was meine Seele mir sagen will...“

Einzelstunden, Kurse, die neue Form der Mitgliedschaften - Katrin Clemen will noch mehr: „Ich möchte eine Natur- und Wildnisschule gründen, hier sollen Esel, Ziegen und Hasen leben. Tiere sind unsere Partner, und so behandeln wir sie auch.“

Die Partner Pferde bekommen an diesem Tag neue „Schuhe“. Hufschmied Kaspar ist vor Ort. Erst einen Kaffee und ein Gespräch, dann die Arbeit. Viele Gespräche, viel Gemeinschaft - das ist Katrin Clemen wichtig. „Und immer auf Augenhöhe mit allen Menschen sein. Jeder kann etwas Besonderes, jeder ist wichtig.“

Wichtig sind ihr auch Kinder. Seit Mitte September bietet sie Betreuungskurse an. Will Natur, Geborgenheit und ein neues Miteinander vermitteln. Auch an Menschen mit Behinderungen und an Senioren richtet sie dieses Angebot.

Betreuungskurse

Wird das denn nicht ein bisschen viel Programm? Hört sich das etwa nach Stress an? Katrin Clemen lächelt und sagt: „Ich habe hier viele liebe Menschen. Die Arbeit kann auf mehrere Schultern verteilt werden.“

Dann bleibt sicherlich doch noch genügend Platz für ihren ganz großen Traum, der wie folgt lautet: „Mich faszinieren Wölfe. Ich würde so gern hier ein Rudel halten...“

 
 

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