Ein Neuanfang – ganz ohne Alkohol

Harald Jacob arbeitet als Ehrenamtlicher beim Suchtnotruf in Essen.
Harald Jacob arbeitet als Ehrenamtlicher beim Suchtnotruf in Essen.
Foto: WAZ FotoPool
Harald Jacob ist Ehrenamtlicher beim Suchtnotruf in Essen und weiß, wovon Anrufer sprechen: Er selbst überlebte wie durch ein medizinisches Wunder.

Essen.. Was ein Neuanfang ist, weiß Harald Jacob genau: „Ich wurde am 4. September 2007 neu geboren“, sagt der 56-Jährige. An diesem Tag teilte ihm der Arzt im Klinikum mit, dass er mit seiner Leber alt werden könne. Seine Krankheit schritt nicht fort, es war wie ein medizinisches Wunder, sagt er. Denn nur ein Jahr zuvor hatten Mediziner ihm erklärt, dass er ohne eine neue Leber vielleicht noch zwei Jahre leben werde.

Wie es soweit kam, daraus macht Harald Jacob kein Geheimnis: „Ich habe mehr als 20 Jahre lang gesoffen.“ Dabei hat der gelernte Groß- und Einzelhandelskaufmann ein bürgerliches Leben geführt, war verheiratet. Beruflich schulte er irgendwann zum Programmierer um und wurde EDV-Leiter eines Discounters. Während er sein Zuhause jeden Morgen in der Überzeugung verließ, alles sei in Ordnung, habe seine Frau ihn betrogen, erzählt er: „Ich habe sie mit einem anderen erwischt.“ Für ihn, der an die große Liebe geglaubt habe, sei da eine Welt zusammengebrochen. „Ich habe angefangen zu trinken.“

Mit 48 Jahren ins Altenheim gekommen

Mit 48 Jahren galt Harald Jacob schließlich als Pflegefall und kam als solcher ins Altenheim. „Da war ich nicht mehr in der Lage, die Uhrzeit abzulesen.“ Immerhin führte ihn zuvor sein Weg jahrelang Tag für Tag in die Trinkhalle, dort gab es Unterhaltung, Abwechslung – und Bier, sein Hauptsuchtmittel. Morgens brauchte er aber bald außer einem Six-Pack auch Jägermeister. „Ich war an einem Punkt ohne Perspektive angekommen.“ Seinen Job hatte er da längst nicht mehr, gestand sich seine Niederlage aber nicht ein und trank stattdessen.

Auf unzählige Entgiftungen folgte die dramatische Diagnose, nach der er sich intensiv mit dem Sterben befasste und die Zeit dazu nutzte, bei einigen Menschen wieder etwas gut zu machen. Bis zum 4. September 2007. „Diesen Tag werde ich nie vergessen“, sagt Harald Jacob, der sich ab diesem Punkt ganz sicher war, „dass der liebe Gott im Spiel ist“.

Heute gehört Harald Jacob als Laie zum Orden der Kamillianer. Er hat eine Partnerin an seiner Seite und spielt in seiner Freizeit leidenschaftlich gern Schach im Verein. Beim Alkohol wird er immer achtsam bleiben müssen. Allein das Geräusch einer aufploppenden Bierflasche könnte gefährlich werden, weil es einst mit einem positiven Effekt verbunden war. Angst vor einem Rückfall hat er dennoch nicht, zu groß sei der Respekt vor den Folgen, die er zu gut kennt.

Oft rufen Angehörige an

Um anderen zu helfen, hat er sich entschieden, offensiv mit seiner Biografie umzugehen. Er engagiert sich in der Suchtprävention, klärt Jungen und Mädchen bei Schulbesuchen auf und arbeitet ehrenamtlich beim Suchtnotruf. Fast täglich kommt er in das kleine Fachwerkhaus, das neben der Fachklinik „Die Fähre“ in Heidhausen liegt.

Übernimmt er den Telefondienst, bleibt er sieben Stunden in den Räumen, die mit Couch, Fernseher wohnlich eingerichtet sind. Klingelt es und eine besorgte Mutter berichtet vom Alkoholproblem ihres Sohnes, dann weiß Harald Jacob, wovon sie spricht. Wenn die Anruferin am Ende ihres Gespräches zumindest ein wenig erleichtert ist, ein offenes Ohr gefunden zu haben, und dankbar auflegt, „dann ist das mein Lohn“. Es sind oft Angehörige, die anrufen, sagt der 56-Jährige. Bei der Sucht geht es neben Alkohol auch um Medikamente, Drogen, Nikotin, Kaufen, Spiele, Essen oder Beziehungen. Die Aufgabe der Ehrenamtlichen bleibt gleich, denn sie hören vor allem zu und nehmen sich Zeit.

Mut gehört auch dazu, sich mit den Problemen und Schicksalen anderer zu befassen, sagt Harald Jacob. Und Toleranz: „Denn hinter jedem Suchtkranken steckt ein Mensch mit seiner Geschichte.“ Seine hat sich zum Glück zum Guten gewendet.

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