Felicitas Kapteina: Ein langes Leben für die Zeitung

Frank Stenglein
Felicitas Kapteina schlüpft um 1975 für eine WAZ-Reportage in die Uniform der Essener Feuerwehr.Foto: Marga Kingler
Felicitas Kapteina schlüpft um 1975 für eine WAZ-Reportage in die Uniform der Essener Feuerwehr.Foto: Marga Kingler
Foto: WAZ
Die Essenerin Felicitas Kapteina wird 90 Jahre alt. Sie ist die letzte Journalistin, die seit dem ersten Erscheinungstag der WAZ dabei ist.

Essen.  Journalisten sollten eigentlich nicht über Journalisten schreiben. Doch bei Felicitas Kapteina müssen wir eine Ausnahme machen. Es kommt schließlich nicht alle Tage vor, dass jemand bis an die Schwelle zum 90. Geburtstag Artikel für die Zeitung schreibt.

Und das ist nicht alles. „Fee“, wie ihre Freunde sie nennen, dürfte die letzte, noch aktive Journalistin sein, die vom ersten Erscheinungstag der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung 1948 an dabei war, eine Zeitzeugin, die den Neubeginn des Essener Pressewesens miterlebte und sich auch ganz persönlich aus dem geistig-moralischen und dem materiellen Schutt des Nationalsozialismus herausarbeitete.

Elly Beinhorn als Vorbild

Zur raffinierten Janusköpfigkeit des NS-Staats gehörte, junge Frauen einerseits zu Gebärmaschinen zu reduzieren, ihnen andererseits aber auch hochfliegende Träume anzubieten. „Mit 18 wollte ich sein wie die Elly Beinhorn, eine fliegende Schriftstellerin“, berichtet Felicitas Kapteina, die damals noch ihren Mädchennamen Narz trug und in einer alteingesessenen Werdener Familie aufwuchs. „Werde Journalistin, das ist was Reelles“, riet ihr hingegen ein Redakteur beim Kölner NS-Blatt „Westdeutscher Beobachter“.

So geschah es: Weil die Männer an der Front waren, erhielt die junge Frau rasch Verantwortung, wurde „zivile Kriegsberichterstatterin“ und hat erlebt, was es heißt, wenn Tausende Bomben fallen. „Ich wundere mich manchmal über den Aufwand, der heute wegen eines einzigen Blindgängers getrieben wird.“

Erich Brost war wie ein Vater für Felicitas Kapteina

Kapteina gehört zu jenen Jahrgängen, die mit dem Ende des Nationalsozialismus auch ihre Illusionen verloren - die „skeptische Generation“ nannte man sie. „Von Politik wollte ich nie mehr etwas wissen“, sagt sie über die Zeit nach 1945, als sie nach Essen zurückkehrte. Dann lernte sie Erich Brost kennen. Der sozialdemokratische Widerstandskämpfer und spätere Mitbegründer der WAZ war zunächst Chefredakteur der 1946 gegründeten NRZ geworden und suchte dringend Mitarbeiter. „Ich hatte erst Angst mich zu bewerben, wir kamen doch alle aus der Hitlerjugend“, so Kapteina. „Aber er war verständnisvoll wie ein Vater - Brost hat uns junge Volontäre dann zu Demokraten erzogen.“

Weil die NRZ anfangs ein lupenreines SPD-Blatt war („überall wurde ich mit Genossin angeredet, und ich war doch gar keine“), folgte sie Brost nach Umwegen zur WAZ, die sich von Beginn an als überparteiliche Zeitung verstand. Reportagen, Glossen und das, was damals „Frauenthemen“ hieß, wurden ihr Metier und blieben es auch später, als „Fee“ in die Essener Lokalredaktion wechselte. Einen Preis, auf den sie stolz ist, verlieh ihr die Bundesanstalt für Arbeit für ihre WAZ-Serie über „Mädchen in Männerberufen“. Sie entstand Ende der 1970er Jahre, als nicht nur von Pilotinnen, Polizistinnen oder Soldatinnen noch lange keine Rede war.

Mit fast 90 Jahren schrieb Fee noch über das Neujahrsbaby

Ich selbst habe sie übrigens 1977 als 15-Jähriger kennengelernt. Sie musste eine Sommerloch-Story über die Jugendherberge in Werden schreiben, und ich war mit Freunden dort, um einige Tage dem Elternhaus zu entfliehen. Man spürte bei „Fee“ sofort, dass sie gut mit Menschen konnte, eine Gabe, die bis heute blieb.

Noch bis vor kurzem konnten wir sie dafür gewinnen, über die ersten Babys zu schreiben, die am Neujahrstag in Essen zur Welt kommen - ein Lieblingstermin für sie. Auf den Stadtteilseiten hat sie unzählige Artikel über ihr geliebtes Werden verfasst, altersbedingt natürlich mit abnehmender Tendenz.

Lust auf Neues hat sie jung gehalten

Ihre Glossen, in denen sie Allzumenschliches thematisiert, werden vermisst, und man kann nur hoffen, dass sie dem vielfachen Leserwunsch ab und zu nachkommt. Am Computer mangelt es jedenfalls nicht, den Umgang damit hat sie noch im hohen Alter gelernt.

Typisch Fee. Die ungebrochene Lust auf Neues hat „unsere“ Felicitas Kapteina jung gehalten. Am 3. November wird sie 90 Jahre alt. Wir gratulieren herzlich!