Ein Familienunternehmen wie aus dem Bilderbuch

Bedingrade..  So oft Ernst van Buer kann, steigt er die zwei Stockwerke herunter, um in seinem gleichnamigen Zweiradhandel in der Schlossstraße nach dem Rechten zu schauen. Zwar haben längst die Enkelsöhne Pascal van Buer und Matthias Frese das Ruder übernommen, doch der kleine Verkaufsraum sieht fast immer noch so aus wie damals, als der 88-Jährige hinter dem Tresen stand: Wo man hinschaut, stehen Räder in allen Größen, die Wände sind voller Regale mit allerlei Zubehör, und in einem dunkelbraunen Schubladenschrank lagern Schrauben, Ventile, Bremsbeläge, Flicken und was man sonst noch alles braucht, um ein Fahrrad oder Moped auf Vordermann zu bringen.

Kein Zweiradhandel sei so gut sortiert wie van Buer, erzählen die Kunden, die gerne auch nur auf ein Schwätzchen reinschauen und die „Zeitreise“ genießen. „Schon als Kind bin ich hierhergekommen. Es sieht immer noch so aus wie damals, das rührt mich irgendwie“, sagt ein älterer Herr, der mit einer verbogenen Speiche in der Hand im Laden steht.

Aber nicht nur wegen der Sentimentalität einiger Kunden kann sich das kleine Unternehmen, das inzwischen von der vierten Generation geführt wird, gegen die schicken „Bike“-Supermärkte, die in der Stadt wie Pilze aus dem Boden schießen, behaupten. Entschleunigung ist das Motto der van Buers: Man nimmt sich Zeit für den Kunden, berät ausführlich und kompetent, drängt sich nicht auf. Und man kennt fast alle, die den Laden betreten: Denn der Zweiradhandel existiert seit 66 Jahren und ist in Frintrop und Bedingrade so etwas wie eine Institution.

Kleine Bude auf der Frintroper Straße

Angefangen hat alles in einer kleinen Bude auf der Frintroper Straße. „Mein Vater Albert war Schlosser bei Krupp und hat nach seiner Pensionierung den Laden 1950 eröffnet, sozusagen als Hobby“, erzählt Ernst van Buer. Anfänglich handelte Vater Albert allerdings nicht mit Rädern, er reparierte sie. Denn fünf Jahre nach Kriegsende konnten sich die wenigsten ein neues Fahrrad oder Moped kaufen. Nur vier Jahre lang stand Albert van Buer in der kleinen Werkstatt, dann starb er mit 81, und Sohn Ernst musste sich entscheiden: Wollte er das Spätwerk seines Vaters übernehmen oder weiter als angestellter Konstrukteur arbeiten? „Da musste ich nicht lange nachdenken.“ Denn inzwischen hatte sich die Wirtschaftslage verbessert, die Menschen konnten sich wieder mehr leisten.

Nachbarn haben mitgeholfen

„Wir haben dann richtig mit dem Handel angefangen und sind in den Reuenberg 42 umgezogen, in einen alten Konsum. Das war astrein“, erinnert sich Ernst van Buer. „Wenn ich nachts um elf noch mit dem Hammer gekloppt habe, dann sind die Nachbarn runtergekommen. Aber nicht, um sich zu beschweren, sondern um mitzuhelfen.“ Inzwischen war auch Ehefrau Trude mit eingestiegen und für die Buchhaltung verantwortlich. Beide teilten die Leidenschaft für motorisierte Zweiräder. „Wenn ich mit wehendem Haar auf meiner 250er-BMW über die Autobahn gebraust bin, dann haben die Leute ganz schön gestaunt“, erzählt die heute 87-Jährige, die noch bis vor einem Jahr regelmäßig im Laden stand.

1969 zog der Zweiradhandel nochmals um, diesmal ins neu gebaute eigene Haus auf der Schlossstraße. Der Weg in den Laden war kurz, den die Familie wohnte nun obendrüber. Das Geschäft bestimmte das Leben, „Urlaub kennen wir nicht, wir waren höchstens mal in der Gruga“, sagt Ernst van Buer.

Die drei Kinder der van Buers wuchsen zwischen Mopeds, Vespas und Fahrrädern auf. Und so ist es nicht verwunderlich, dass zwei von ihnen das Familienunternehmen weiterführten. Sohn Winfried ist inzwischen verstorben, Tochter Leonie, mittlerweile 59, steht immer noch mit ölverschmierten Händen und im Blaumann in der Werkstatt, „das ist meine Leidenschaft, ich kann gar nichts anderes “, sagt sie.

Die beste Zweiradmechanikerin

.„Sie ist die beste Zweiradmechanikerin Essens“, davon ist Ernst van Buer überzeugt. Auch Enkel Matthias Freese hat seine Ausbildung in der heimischen Werkstatt gemacht, ist inzwischen (wie seine Mutter) Meister und führt gemeinsam mit Cousin Pascal van Buer das Geschäft.

„Ich bin in die Tradition reingeboren, für mich gab es überhaupt keine anderen Überlegungen“, sagt der 36-Jährige. Cousin Pascal (34) geht es nicht anders. Ihnen zur Seite steht nicht nur Mutter Leonie, sondern auch Michael Karczewski. Der 51-Jährige komplettiert das kleine Team. Er sei zwar „noch nicht adoptiert“, aber er gehört quasi zur Familie, ist er doch seit seiner Lehrzeit vor 33 Jahren den van Buers treugeblieben. „Das ist der beste Arbeitsplatz, den ich mir vorstellen kann“, sagt er, „warum sollte ich jemals wechseln?“

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