Ein Essener Altenheim erlebte eine kleine Revolution

Bis auf 20 Zentimeter über dem Boden kann das Bett heruntergefahren werden, auf dem Hildgard Buschkamp Platz genommen hat. Sie wohnt im Evangelischen Altenheim Bethesda in Essen-Borbeck, wo solche Betten helfen sollen, Sturzverletzungen zu vermeiden. Bettgitter und Bauchgurte werden so überflüssig.
Bis auf 20 Zentimeter über dem Boden kann das Bett heruntergefahren werden, auf dem Hildgard Buschkamp Platz genommen hat. Sie wohnt im Evangelischen Altenheim Bethesda in Essen-Borbeck, wo solche Betten helfen sollen, Sturzverletzungen zu vermeiden. Bettgitter und Bauchgurte werden so überflüssig.
Foto: WAZ FotoPool
Das evangelische Altenheim Bethesda in Essen-Borbeck hat Bettgitter und Bauchgurte verbannt, mit denen alte Menschen vor Stürzen geschützt werden sollen. Eine 90-jährige konnte es nicht fassen, „dass ich noch einmal aus diesem Knast herauskomme.“

Essen.. Im evangelischen Altenheim Bethesda in Borbeck hat es eine Revolution gegeben: Hochbetagte Bewohner lernten eine neue Freiheit kennen, weil Bauchgurte und Bettgitter verbannt wurden.

Dass solche freiheitsentziehenden Maßnahmen ein schwerer Eingriff sind, lässt sich schon daran ablesen, dass sie gerichtlich genehmigt werden müssen. In jedem Einzelfall. Lange Zeit gehörten sie trotzdem zum bewährten Instrumentarium, um zu verhindern, dass alte, oft demenzkranke Menschen aus dem Bett fallen und sich womöglich schwere Verletzungen zuziehen. „Davor hatten alle Beteiligten Angst: Die Angehörigen, die Pfleger, die Heimleitungen“, sagt Sabine Hoffmann, Pflegedienstleiterin im Bethesda-Altenheim.

Lebensqualität geht nun vor

Und so beantragten die Betreuer der Senioren häufiger Gitter, Gurte oder gar Vorstecktische, mit denen ihre Schützlinge auch tagsüber in Bett oder Rollstuhl fixiert wurden. Heim und Hausarzt mussten das befürworten, ein Amtsrichter kam, um sich ein Bild vom Betroffenen zu machen. „Meist gab er sein Okay – wir waren ja alle überzeugt, das Richtige zu tun“, so Hoffmann. Heute weiß sie es besser: Wer regelmäßig fixiert ist, baut Muskeln ab, verliert Beweglichkeit und Sicherheit – und stürzt viel eher, wenn er mal aufsteht. Demenzkranke, die oft einen großen Bewegungsdrang haben, werden brutal eingeengt.

Dass es auch anders geht, hat das Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen bewiesen, das die Zahl der freiheitsentziehenden Maßnahmen extrem reduziert hat (Kasten). Hier empfahl man den Heimen zum Beispiel Niederflurbetten, die auf nur 20 cm über dem Boden heruntergefahren werden können. Bei Bedarf wird vors Bett noch eine Sturzmatte gelegt oder eine Lichtschranke so installiert, dass sofort die Schelle geht, wenn der alte Mensch aus dem Bett fällt.

Mit Hüftprotektoren und Gymnastik fit bleiben

Wer gern läuft, aber nicht völlig sicher ist, wird mit Hüftprotektoren ausgestattet und mit Gymnastik fit gemacht. Einfache Mittel, die sich auch bei den 107 Bewohnern des Borbecker Heims bewährt haben: Anfang 2013 wurden dort noch 20 Senioren mit Bettgittern fixiert – heute ist es keiner mehr. Natürlich gebe es ein Restrisiko, „aber darf ich jemanden darum 365 Tage im Jahr anbinden?“, fragt Hoffmann

Trotzdem gab es anfangs Angehörige und Pfleger, die lieber auf Nummer sicher gehen wollten. Und so wird regelmäßig auch das Ende der Fixierung gerichtlich geklärt. „Es ist ein Denkprozess: Früher stand die Sicherheit im Vordergrund, heute die Lebensqualität“, sagt der Direktor des Amtsgerichts Borbeck, Hermann Heimeshoff. In seinem Bezirk nahm die Genehmigung freiheitsentziehender Maßnahmen von August 2013 bis August 2014 um etwa 15 Prozent ab.

Ein Erfolgsmodell aus Garmisch-Partenkirchen

Sabine Hoffmann leistet dafür viel Aufklärungsarbeit, etwa mit einem Film aus der Perspektive eines alten Menschen, der im vergitterten Bett liegt, sich ausgeliefert fühlt, nervös wird. Wer verwirrt ist, könne das nicht äußern – der klopfe, rappele am Gitter. Früher habe man da gesagt: „Guck, wie unruhig Frau X ist – gut, dass das Gitter sie schützt.“ Von wegen! Eine 90-jährige Bewohnerin, die vom Gitter- in ein Niederflurbett umzog, seufzte: „Ich hab’ nicht gedacht, dass ich aus diesem Knast noch mal ‘rauskomme.“ Heute ist die frühere Rollstuhlfahrerin mit Rollator unterwegs – jetzt übt sie Treppensteigen.

Jahr für Jahr genehmigen Gerichte tausende freiheitsentziehende Maßnahmen, die Bewohner von Altenheimen schützen sollen. Sie werden mit Bettgittern und Gurten fixiert oder mit Medikamenten ruhig gestellt.
Seit 2007 gibt es den „Werdenfelser Weg“, den Amtsgericht und Betreuungsbehörde in Garmisch-Partenkirchen entwickelt haben: Dort arbeiten Verfahrenspfleger, die pflegerische Erfahrung haben und rechtlich geschult sind.

Sie prüfen in jedem Fall, ob man mit Niederflurbetten, Schutzkleidung und Bewegungsmeldern eine Fixierung alter Menschen vermeiden kann. Die Zahl der Anträge auf freiheitsentziehende Maßnahmen ging beim dortigen Amtsgericht um 70 Prozent zurück. Heute beschreiten bundesweit Heime und Gerichte den Werdenfelser Weg.

 
 

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