Ehepaar hilft junger Vietnamesin mit Zwillingstöchtern

Viel mehr als ein Ehrenamt: Seit zwei Jahren unterstützen das Essener Ehepaar Udo Kristahl und Sabine Koch-Kristahl eine alleinerziehenden Mutter, die aus Vietnam stammt. Für deren Zwillingstöchter sind die beiden Omi und Opi.
Viel mehr als ein Ehrenamt: Seit zwei Jahren unterstützen das Essener Ehepaar Udo Kristahl und Sabine Koch-Kristahl eine alleinerziehenden Mutter, die aus Vietnam stammt. Für deren Zwillingstöchter sind die beiden Omi und Opi.
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Seit 2014 hilft das Ehepaar Kristahl einer jungen Mutter, die aus Vietnam stammt. Für ihre Zwillingstöchter sind die Kristahls längst Omi und Opi.

Essen. In ihrem Alltag wären sie sich wohl nie begegnet, nun zählen sie einander zur Familie: ein Rüttenscheider Ehepaar und eine junge Vietnamesin mit kleinen Zwillingstöchtern. Die ungewöhnliche Familienbildung begann mit einem Ehrenamt.

Mit 61 Jahren ging der Polizeibeamte Udo Kristahl in Ruhestand, und er hatte das Gefühl, das war zu früh. „Ich wollte gern weiter etwas Soziales machen mit Kontakt zu Menschen.“ Seine Kinder und Enkel leben nicht in Essen, brauchen im Alltag keine Hilfe vom Großvater. „Ich dachte, dass andere Familien so belastet sind, dass sie sich über meine Hilfe freuen würden.“

Schwangere war „allein und verzweifelt“

Udo Kristahl suchte lange nach dem passenden Projekt und fand es in „Wellcome“, das eine Starthilfe für junge Mütter organisiert, angelegt auf drei Monate. „Als einzelner Mann ist es ja etwas heikel, eine solche Aufgabe mit Mutter und Baby zu übernehmen.“ Also überredete er seine Frau, dass sie sich als Team einbringen sollten. Dabei ist Sabine Koch-Kristahl (59) noch als Heilpädagogin berufstätig.

Zur selben Zeit landete bei der Evangelischen Beratungsstelle für Schwangerschaft, Familie und Sexualität eine junge Vietnamesin, die Zwillinge erwartete. „Sie war allein und verzweifelt“, erinnert sich Psychologin Gabriele Hess. Mit der Schwangerschaft hatte sie ihren Job in einem Imbiss in Köln verloren, ihr Zimmer beim Arbeitgeber war auch perdu. Landsleute hatten ihr eine heruntergekommene Unterkunft in Essen besorgt. Obwohl sie schon 14 Jahre hier lebte, sprach sie nur gebrochen, Deutsch; also lotste Gabriele Hess sie durch den Behördendschungel, erstritt eine Lohnnachzahlung vom Imbissbesitzer, baute sie auf.

Bald war klar, dass sie für das Leben mit den Zwillingen Hilfe brauchen würde, nicht nur für drei Monate. Weil Hess’ Beratungsstelle und Wellcome zusammen arbeiten, kamen hier die Kristahls ins Spiel: „Wir haben die Zwillingsmädchen im September 2014 kennengelernt, da waren sie erst zwei Wochen alt“, erinnert sich Sabine Kristahl-Koch.

„Für uns sind das unsere Enkel“

Das Ehepaar stürzte sich in die Aufgabe, besuchte die Familie dreimal wöchentlich für drei Stunden. „Für uns sind das unsere Enkel“, strahlt Udo Kristahl. Ob das auch umgekehrt gelte? „Sie nennen uns Omi und Opi.“

Wer die Kinder und die Kristahls beobachtet, merkt sofort, wie vertraut sie sind, wieviel Zeit sie mit einander verbringen. Auch mit der Mutter hat das Ehepaar längst einen locker-familiären Umgang: „Einmal die Woche kommt sie zu uns, manchmal kocht sie leckere Frühlingsrollen für uns.“ Sie haben schon zusammen Weihnachten gefeiert und im Frühjahr gemeinsam Urlaub gemacht – in Vietnam. „Dabei war unser Urlaubsziel zuletzt eher die Terrasse.“ Nun erlebten sie vier Wochen eine fremde Kultur, lernten viele neue Familienmitglieder kennen – und heftige Armut. Als ihm sein Gastgeber eine Angel in die Hand drückte, hielt Udo Kristahl das zuerst für eine Touristenbespaßung: „Tatsächlich musste ich das Abendessen fischen“.

Mehr Erlebnis als Erholung sei diese Reise gewesen, aber eins, das er nicht missen möchte. Überhaupt sei die Begegnung mit ihrer vietnamesischen „Adoptiv-Familie“ auch für sie ein Geschenk. Sie haben den Dreien eine neue Wohnung besorgt, kümmern sich um Kita-Plätze für die Mädchen und darum, dass die Mutter einen Deutschkurs und später eine Ausbildung machen kann. „Als Helfer für andere Familien haben wir die Kristahls natürlich verloren“, sagt Magdalena Obsiadly vom Wellcome-Projekt: „Als Großeltern sind sie hier ein echter Glücksfall.“

Wellcome-Projekt als Starthilfe für junge Mütter

  • Seit 2008 gibt es das bundesweite Wellcome-Projekt in Essen. Es bietet „Praktische Hilfe nach der Geburt“, unterstützt also Mütter in der anstrengenden Anfangszeit mit Baby. Drei Monate lang kommt ein Ehrenamtlicher ein, zwei Mal wöchentlich betreut den Säugling, begleitet eine Zwillingsmutter beim Arztbesuch oder spielt mit Geschwisterkindern.
  • Derzeit gibt es eine Warteliste für die Familien. Wer ehrenamtlich helfen möchte, meldet sich unter 81 32 238.
  • Seit zwei Jahren ist Wellcome im Essener Netzwerk Sicherer Start, in dem neben dem Jugendamt freie Träger vertreten sind. Etwa die Evangelische Beratungsstelle für Schwangerschaft, Familie, Sexualität, die (werdenden) Müttern hilft. Info: www.schwanger-in-essen.de
 
 

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