Ehefrau verhungerte – Gericht spricht Ehemann frei

Für den Tod der Frau und Mutter zog das Gericht die beiden Angeklagten, hier mit ihren Verteidigern Heike Michaelis und Clemens Louis, unterschiedlich zur Verantwortung.
Für den Tod der Frau und Mutter zog das Gericht die beiden Angeklagten, hier mit ihren Verteidigern Heike Michaelis und Clemens Louis, unterschiedlich zur Verantwortung.
Foto: Volker Hartmann
  • 77 Jahre alte Frau starb verwahrlost und auf 29 Kilogramm abgemagert
  • Der demente Ehemann gilt dem Essener Schwurgericht als schuldunfähig
  • Prozessbeteiligte üben auch leichte Kritik an den behandelnden Medizinern

Essen. Der grausame Tod der pflegebedürftigen 77-Jährigen in Essen-Rüttenscheid wird vom Schwurgericht strafrechtlich unterschiedlich bewertet. Während es den 78 Jahre alten Ehemann wegen Schuldunfähigkeit freisprach, soll der 47 Jahre alte Sohn des Ehepaares zwei Jahre und neun Monate ins Gefängnis.

Beide Angeklagten reagierten auf das Urteil mit einem Gesichtsausdruck, den sie auch an den fünf Prozesstagen gezeigt hatten: teilnahmslos, ohne größere Regung. Beide gelten als psychisch erkrankt. Dem an Demenz erkrankten Vater gestand das Gericht Schuldunfähigkeit zu. Dem Sohn, der seit frühester Kindheit an Epilepsie leidet, bescheinigte es verminderte Schuldfähigkeit. Durch seine Krankheit veränderte sich seine Persönlichkeit. Im Alltagsleben brachte er wenig zustande, weil seine Eltern ihn wegen seiner Krankheit überbehütet hätten, hatte die psychiatrische Gutachterin Marianne Miller dem Gericht erläutert.

Fraglich, was die beiden Angeklagten von dem erreichte, was am Montag über den Tod der Ehefrau und Mutter geschildert wurde. Zuerst hatte Staatsanwältin Elke Hinterberg die grausame Tat beschrieben. Sie erinnerte an die akkurat aufgeräumte Wohnung und an das Schlafzimmer, in dem die 77-Jährige seit Wochen lag. Zuletzt bewusstlos, bevor sie starb.

Abgemagert auf 29 Kilogramm

Es stank aus dem Zimmer, drinnen lag die Frau, nackt, abgemagert auf 29 Kilogramm, eingekotet. An Auschwitz-Bilder hatte der Anblick einen erfahrenen Kripo-Beamten erinnert, als er das Zimmer mit der Leiche am 30. Oktober 2015 betrat. Elke Hinterberg: „Man hatte sie ausgegrenzt und ihrem Schicksal überlassen.“ Leicht übte sie Kritik an den Ärzten, die den Zustand der Frau kannten. Im Mai 2015 lag sie noch im Krankenhaus, verließ es auf eigene Verantwortung. Weil den Medizinern das Risiko bewusst war, gaben sie detaillierte Anweisungen für die Pflege und die medizinische Versorgung. Das hatte die Hausärztin zwar weitergegeben, alle Ärzte hatten aber nicht kontrolliert, ob die Anweisungen umgesetzt wurden.

Diese Kritik an den Ärzten klang bei allen Prozessbeteiligten an. Dem Sohn lastete das Gericht aber trotz verminderter Schuldfähigkeit die strafrechtliche Verantwortung an. Er habe erkannt, in welchem Zustand die Mutter war. Richter Andreas Labentz: „Es war ihm aber gleichgültig, was mit der Mutter passiert.“

Einen Teil der Schuld sah das Gericht auch bei der Mutter selbst, die Hilfe oft abgelehnt hatte. Schließlich habe das Gericht noch überlegt, ob es nur zwei Jahre Haft geben solle, um so noch zu einer Bewährung zu kommen. Aber die grauenhaften Bilder hätten das ausgeschlossen.

 
 

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