„Diese Frau hat mein Leben zerstört“

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Essen.. Man muss nicht prominent sein, um etwas ähnliches zu erleben wie „Wetterfrosch“ Jörg Kachelmann. Und auch bei Heiner B. (Name geändert) wird man vielleicht nie mit letzter Sicherheit erfahren, was wirklich vorgefallen ist. Tatsache ist: Anders als Kachelmann, dem der Prozess noch bevorsteht, hat das Landgericht Heiner B. vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. WAZ-Mitarbeiter Matthias Wenten hat den Essener besucht und nach seinen Erzählungen das folgende Protokoll angefertigt.

Den 14. Mai 2009 werde ich nie vergessen. Ich hatte es mir vor dem Fernseher gemütlich gemacht, als es abends um halb neun klingelte. Vor meiner Tür standen fünf Männer, die sich als Zivilbeamte der Kripo vorstellten. Sie fragten mich nach meinem Namen. Ich hatte ihn kaum ausgesprochen, als sie mich in die Wohnung drängten und mir Handschellen anlegten. „Sie sind festgenommen. Gegen sie liegt ein Haftbefehl wegen Vergewaltigung vor“, sagte einer der Polizisten. Die Beamten nannten mir den Namen einer Frau, mit der ich neun Wochen zuvor ein Verhältnis begonnen hatte. Sie gaben mir kaum Zeit, etwas drüber zu ziehen, als sie mich abführten. Draußen standen Nachbarn, die das alles gesehen haben. Es war mir unendlich peinlich. Wir fuhren zum Präsidium, wo ich drei Stunden in eine Zelle eingesperrt wurde. Gegen Mitternacht kamen zwei Beamte und verhörten mich. Ich erzählte ihnen, wie das mit mir und der Frau gewesen war.

Wir hatten uns Anfang März 2009 über eine Anzeige kennen gelernt. Die Frau, nennen wir sie Petra, hatte eine Annonce aufgegeben, suchte eine Putzstelle. Ich schrieb ihr eine SMS: „Hast du Lust auf ein Verhältnis?“ Ich weiß, das hört sich komisch an, aber ich wollte nach der Trennung von meiner Frau keine feste Beziehung mehr und suchte Sex. Sehr oft hat es geklappt.

Auch menschlich haben wir uns gut verstanden

Auch Petra schrieb mir sofort zurück: „Hört sich nicht schlecht an.“ Wir telefonierten und noch am selben Tag kam Petra zu mir in die Wohnung. Wir tranken Kaffee, unterhielten uns und hatten dann Sex. Hinterher erzählte mir Petra, dass sie verheiratet sei und einen zweijährigen Sohn habe. Sie sagte, dass mit ihrem Mann nichts mehr laufe.

Nach drei Stunden ging Petra, weil sie arbeiten musste. Ein paar Stunden später rief sie mich wieder an und fragte, ob sie vorbeikommen könnte. So ging das dann jeden Tag. Ich war zu der Zeit arbeitslos und hatte viel Zeit. Irgendwann fragte sie mich, worauf ich stehe. Ich sagte, dass ich für alles offen sei. Sie stehe auf Rollen- und Fesselspiele, erzählte Petra. Ich bot ihr an, dass wir das ja mal ausprobieren könnten. Hinterher habe ich ihr gesagt, dass diese Rollenspiele mit einer Maske nicht so mein Ding sind. Wir haben dann erst einmal aufgehört mit diesen Praktiken.

Auch menschlich haben wir uns gut verstanden, sind oft spazieren gegangen und haben viel unternommen. Ich habe mich immer gefragt, wie es sein kann, dass ihr Mann das alles nicht merkt. Ich fand das komisch, aber letztlich war es mir auch egal.

Unzählige Briefe

Am 14. Mai rief sie mich an und sagte, dass ihr Hund eingeschläfert worden sei. Sie war traurig und wollte vorbei kommen. Ich wollte sie aufmuntern. Seit dem einen Mal hatten wir keine Rollen- und Fesselspiele mehr gemacht. Ihr zu Liebe bereitete ich alles vor. Als sie kam, gingen wir ins Schlafzimmer. Ich fesselte sie ans Bett und zog eine Maske über. Aber nach zehn Minuten habe ich gemerkt, dass irgendwas nicht stimmte. Was ist los, habe ich gefragt. „Ich habe Angst“, sagte Petra. Ich habe sie sofort losgebunden und ihr gesagt, dass sie keine Angst haben brauche, dass ich ihr nie etwas antun würde. Sie ist gegangen und hat nicht mehr auf SMS und Anrufe geantwortet. Um um halb neun kam an diesem Tag die Polizei.

Das Verhör hat zwei Stunden gedauert. Am nächsten Tag wurde ich den Haftrichter vorgeführt. Er hat mir Petras Aussage vorgelesen und mir gesagt, dass der Haftbefehl wegen Fluchtgefahr bestehen bleibt und ich in die JVA Essen überführt werde.

Die 102 Tage Untersuchungshaft waren die Hölle. Ich bekam schwere Depressionen, musste behandelt werden. Ich galt als selbstmordgefährdet und kam deswegen in eine Doppelzelle. 23 Stunden am Tag auf acht Quadratmetern: Da wird man verrückt und aggressiv. Als angeblicher Vergewaltiger hat man es sehr schwer im Knast. Die Mitgefangenen schikanieren einen. Aber ich habe immer offen erzählt, warum ich einsitze. Wieso soll ich eine Tat leugnen, die ich nicht begangen habe? In der ersten Zeit hatte ich Hass auf Petra. Irgendwann ist dieser Hass umgeschwenkt und ich habe mich nur noch gefragt: Wieso macht diese Frau das mit dir?

Wie kann ich eine Tat gestehen, die ich nicht begangen habe?

Geglaubt hat mir niemand. Der Richter hat mir am ersten Verhandlungstag geraten, zu gestehen. Nur: Wie kann ich eine Tat gestehen, die ich nicht begangen habe? Ich habe Petra nie zu etwas gezwungen. Alles geschah mit ihrem Einverständnis. Dass das Gericht mich letztlich freigesprochen hat, lag an den unzähligen Briefen, die ich an den Staatsanwalt und den Haftrichter geschrieben habe. Ich habe ihnen gesagt, dass sie unseren SMS-Verkehr auf meinem Handy und den Computer von Petra kontrollieren sollen. Ich wusste, dass sie am PC Tagebuch schrieb.

Das Handy und der PC wurden schließlich konfisziert. Am zweiten Verhandlungstag ist Petras Lügengebäude zusammengebrochen, als der Richter sie in die Mangel nahm. Am 2. September wurde ich freigesprochen. Petra wurde später wegen ihrer Falschaussage verurteilt.

Das Ganze liegt jetzt fast ein Jahr zurück. Wie es mir heute geht? Seit vier Monat habe ich einen Ein-Euro-Job, arbeite als Hausmeister. Ansonsten liegt mein Leben in Trümmern: Meine Kinder haben sich von mir abgewandt, meine Mutter glaubt mir bis heute nicht, meine Nachbarn tuscheln. Ich suche gerade eine neue Wohnung, will irgendwo ein neues Leben beginnen.

Als kürzlich der Fall Kachelmann durch die Medien ging, ist vieles in mir wieder hochgekocht. Ich weiß natürlich nicht, ob Kachelmann unschuldig ist, aber unsere Fälle ähneln sich stark. Manchmal frage ich mich, ob Frauen, die solche Aussagen machen, eigentlich wissen, dass sie damit ein Leben zerstören können.

 
 

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