Die verzweifelte Suche nach Pierre Pahlke – eine Chronologie

Gerd Niewerth
Fieberhafte Suche nach Pierre Pahlke: Eine Einsatzhundertschaft der Polizei durchsucht im Herbst 2013 ein Waldgelände in der Nähe der
Fieberhafte Suche nach Pierre Pahlke: Eine Einsatzhundertschaft der Polizei durchsucht im Herbst 2013 ein Waldgelände in der Nähe der
Foto: WAZ Fotopool
Der Kriminalfall Pierre Pahlke ist einer der spektakulärsten und zugleich beklemmendsten der letzten Jahre in Essen. In dieser Chronologie dokumentieren wir diesen Vermisstenfall - vom 17. September 2013, dem Tag seines Verschwindens, bis heute, genau ein Jahr danach.

Essen. Pierre Pahlke (21) ist in Gladbeck aufgewachsen. Im Juli 2012 kommt der geistig behinderte junge Mann in die therapeutische Einrichtung „Heimstatt Engelbert“ auf der Manderscheidtstraße in Essen-Frillendorf. Bereichsleiterin Manuela Krienen-Schräpler lernt ihn als „überhüteten und verunsicherten Jungen“ kennen, der sich anfangs „am liebsten hinter jedem Gebüsch versteckte“. Doch nach einem Jahr hat Pierre große Fortschritte gemacht. Er strotzt vor Lebensfreude und Entdeckerdrang. An manchen Tagen schaut er sieben Mal beim Getränkemarkt Trinkgut nebenan vorbei.

Der 17. September, der Tag, an dem Pierre spurlos verschwindet, ist ein Dienstag. Jeden Abend um 19 Uhr versammelt sich seine Wohngruppe am großen Tisch zum Abendbrot, doch ein Stuhl bleibt frei: der von Pierre.

Lange Zeit heißt es, Pierre sei zum letzten Mal gegen 19 Uhr bei „Netto“ in der Hubertstraße gesehen worden. Bei Recherchen des „Aktenzeichen XY“-Teams stellt sich viel später heraus, dass er zwischen 19.15 und 20 Uhr noch beim Discounter Penny auf der Ernestinenstraße gesehen wurde.

Seit dem 17. September ein Kriminalfall

Als die erste Suche in der Umgebung der Heimstatt ergebnislos verläuft, schaltet die Heimleitung noch am Abend des 17. September die Polizei ein. Seitdem ist der Ver misstenfall Pierre Pahlke ein Kriminalfall.

Pierres Behinderung schränkt seinen Aktionsradius erheblich ein. So ist er nicht in der Lage, sich auf eigene Faust in Busse, Bahnen oder Züge zu setzen und unbekümmert durch die Weltgeschichte zu reisen. Er ist hilf- und orientierungslos und deshalb sehr verletzlich. Zwei Möglichkeiten sind wahrscheinlich: a) Pierre hat sich verlaufen oder b) er ist möglicherweise zu Unbekannten ins Auto gestiegen.

Der Großmutter geht der Fall sehr nah – ihre Tochter, Pierres leibliche Mutter, starb bei der Geburt 

In den Tagen unmittelbar nach Pierres Verschwinden startet die Polizei in Essen eine fieberhafte Suche. Hundertschaften durchstreifen Parks und Waldstücke, Spürhunde werden ebenso eingesetzt wie Hubschrauber mit Wärmebildkameras. Auch Pierres Eltern, Manuela und Frank Pahlke, werden aktiv. Sie verteilen im gesamten Essener Stadtgebiet sowie in Gladbeck Flugblätter und selbst angefertigte Fahndungsplakate. In den ersten Tagen suchen sie bis an den Rand des körperlichen Zusammenbruchs. Weil die Anteilnahme der Bevölkerung von Beginn an sehr groß ist, gehen zahlreiche Hinweise ein. So geben etliche Zeugen an, einen jungen blonden Mann mit Tasche an einer Bushaltestelle gesehen haben zu wollen.

Besonders schmerzhaft ist Pierres Verschwinden für seine Großmutter. Ihre Tochter, die Mutter des 21-Jährigen, kam bei der komplizierten Geburt ums Leben. Sauerstoffunterversorgung des Gehirns ist der Grund für Pierres Behinderung. Nun sorgt sie sich um den Jungen, den sie stets so liebevoll umhegt hat. Was für ein Schicksalsschlag: Zuerst die Tochter verlieren und dann möglicherweise auch noch den Enkel - wer kann das aushalten?

Sechs Tage danach schließt die Essener Polizei „eine schlimme Straftat“ nicht mehr aus

Sechs Tage nach dem Verschwinden schließt die Essener Kriminalpolizei „eine schlimme Straftat“ nicht mehr aus. Im Präsidium hat sich eine Ermittlungskommission gebildet, deren Leitung der erfahrene Kriminalhauptkommissar Ralf Menkhorst übernommen hat. Gesucht wird nach Unbekannten, die Pierre möglicherweise verschleppt oder entführt haben.

Im sozialen Netzwerk Facebook bildet sich ein eigenes Suchteam. Es nennt sich „Pierre vermisst“. Fremde Menschen schließen sich zusammen und suchen in mehreren Ruhrgebietsstädten nach dem Vermissten. Am 7. Oktober lautet die Schlagzeile in der WAZ: „Pierre seit drei Wochen vermisst – die Hoffnung schwindet“.

Drei Wochen später wird ein Tatverdächtiger in der Hubertstraße festgenommen 

Dann, am 10. Oktober, scheint sich eine dramatische Wende im aussichtslosen Vermisstenfall anzubahnen. In einer Wohnung in der Hubertstraße nahe der Heimstatt Engelbert nimmt die Polizei einen Mann fest, doch tags darauf wird er schon wieder auf freien Fuß gesetzt. Der Mann ist einschlägig vorbestraft und deshalb tatverdächtig, allerdings besteht kein dringender Tatverdacht. Anhand von DNA-Spuren versuchen die Ermittler nachzuweisen, dass Pierre sich in seiner Wohnung aufgehalten hat. So genannte „Mantrailer“-Hunde, also Personenspürhunde mit sehr feinem Geruchssinn, haben die Fahnder zu der Wohnung in der Hubertstraße geführt.


Im Oktober und November weitet die Polizei die Suche nach Pierre aus. Jetzt führen Mantrailer-Hunde die Ermittler auf die Autobahn A3 bis nach Holland. Auf einer Pressekonferenz Ende Januar wird die Polizei mitteilen, dass eine Spur bis in das Amsterdamer Rotlichtviertel führte. Allerdings verliert sich die Spur dort. Abermals beteiligen sich die Eltern und Großeltern an der Suche. Im Amsterdamer Grachtenviertel kleben sie Suchplakate. Außerdem schaltet sich die Amsterdamer Polizei mit einer Öffentlichkeitsfahndung unterstützend in den Fall Pierre ein.

Die Essener Staatsanwältin Elke Hinterberg geht von einem Kapitalverbrechen aus

Ende Januar 2013 dämpft die Essener Staatsanwältin Elke Hinterberg die Hoffnung, dass Pierre noch lebt. Die Ermittlerin geht davon aus, dass der 21-Jährige das Opfer eines Kapitalverbrechens geworden ist.

Für Hinweise, die zur Aufklärung des Vermisstenfalls führen, setzen die Eltern und Großeltern jetzt eine Belohnung von 10.000 Euro aus. Geld, das sie selbst gespart haben. Enttäuschend: Es gibt keine neuen Hinweise.

Ende Februar gibt das Polizeipräsidium bekannt, dass die „Ermittlungskommission Pierre“ aufgelöst worden ist. Gleichzeitig wird betont, dass die Suche nach ihm keinesfalls eingestellt ist. „Die Akte Pierre liegt in meinem Büro ganz oben und ist immer griffbereit“, sagt Fahnder Ralf Menkhorst. Der Fall Pierre, gesteht er, sei ein Fall, der ihm sehr nahe gehe.

Aktenzeichen XY sucht Pierre Pahlke bundesweit – das letzte Fünkchen Hoffnung 

Neue Hoffnung keimt auf, als „Aktenzeichen XY“ den Vermisstenfall aufgreift. Ein TV-Team spielt Szenen in Essen nach. Gedreht wird auch mit behinderten Laiendarstellern. In der Abendbrot-Szene betritt ein Betreuer den Raum und fragt: „Wo ist eigentlich Pierre?“. Für die Polizei steht fest: „Diese Sendung ist unser letztes Fünkchen Hoffnung.“

Das Aktenzeichen-Spezial „Wo ist mein Kind?“ wird am 21. Mai live um 20.15 Uhr ausgestrahlt. Nachdem der Filmbeitrag der Bochumer TV-Journalistin Bianka Schneider ausgestrahlt ist, kommen die Eltern und der Kommissar zu Wort. Frank Pahlke, der Vater, sagt: „Wir denken, dass er noch lebt und dass ihm nichts Schlimmes passiert ist.“ Mit im Münchener Studio ist auch die Großmutter. Geschildert werden vier Vermisstenfälle. Der Essener Fall ist der aktuellste, über 80 Hinweise gehen ein - weitaus mehr als bei den anderen drei Fällen. Aber leider geht die erhoffte heiße Spur nicht ein. Die Familie erhöht die Belohnung auf 15.000 Euro.

Ein Jahr danach ist Pierres Zimmer in der Heimstatt Engelbert immer noch unverändert eingerichtet

Im Sommer starten die Eltern und Großeltern eine neue Suchaktion. Sie kleben 200 Din-A-4-Plakate nahe der Heimstatt Engelbert. Unter ihrer Handynummer 01575 / 482 1625 erbitten sie Zeugenhinweise.

Am 17. September jährt sich Pierres Verschwinden zum ersten Mal. Auch in Pierres Wohngruppe in der Heimstatt Engelbert ist der Vermisstenfall den Bewohnern und Betreuern immer noch präsent. Pierres Zimmer ist immer noch in demselben Zustand, wie er es an jenem Dienstagnachmittag vor einem Jahr verlassen hat. „Wir hoffen, dass Pierre eines Tages wieder auftaucht“, sagt eine Sprecherin.