Die verzweifelte Suche nach Pierre Pahlke aus Essen

Gerd Niewerth
17. September 2013, 15.15 Uhr: Die Überwachungskamera im Getränkemarkt auf der Manderscheidtstraße zeigt Pierre an der Kasse. Um 19 Uhr wird er im Netto-Markt auf der Hubertstraße gesehen. Danach verliert sich seine Spur.
17. September 2013, 15.15 Uhr: Die Überwachungskamera im Getränkemarkt auf der Manderscheidtstraße zeigt Pierre an der Kasse. Um 19 Uhr wird er im Netto-Markt auf der Hubertstraße gesehen. Danach verliert sich seine Spur.
Foto: Knut Vahlensieck/WAZ FotoPool
Von dem geistig behinderten jungen Mann fehlt schon seit drei Monaten jede Spur. Die Wahrscheinlichkeit, dass Pierre lebt, ist sehr gering. Trotzdem behandelt die Polizei den „Fall Pierre“ nicht wie einen Kriminalfall. Solange noch ein Fünkchen Hoffnung bestehe, dass er lebt, werde die Suche fortgesetzt.

Essen. Dienstag, 17. September 2013. Es ist der Tag, an dem Pierre Pahlke spurlos verschwindet. Ein Tag, an den sich Monika Schleifenbaum, die Chefin des Getränkemarkts auf der Manderscheidtstraße in Frillendorf, sehr gut erinnert. Der geistig behinderte Junge wohnt nebenan in der „Heimstatt Engelbert“ und kommt mitunter ein Dutzend Mal am Tag. Er fährt ab auf Trendgetränke und glaubt manchmal, mit 30 Cent den halben Laden kaufen zu können. „Er ist uns an jenem Tag dermaßen auf die Nerven gegangen, dass ich heftig mit ihm schimpfen und ihn vor die Tür setzen musste“, sagt sie.

Gut drei Monate sind seitdem verstrichen und von Pierre fehlt noch immer jede Spur. Der 21-Jährige leidet unter einem starken Entwicklungsrückstand und ist auf dem Stand eines kleinen Kindes. Ein Handicap, das ihn sehr verwundbar macht und zugleich erklärt, warum dieser spektakuläre Vermisstenfall die Menschen weit über Essen hinaus so erschüttert. „Erst vorhin erkundigte sich ein Stammkunde nach Neuigkeiten über Pierre“, erzählt Monika Schleifenbaum.

Dramatischer Aufruf der verzweifelten Eltern

Wochenlang hängt das Foto des Jungen mit dem dramatischen „Helft-uns“-Aufruf der verzweifelten Eltern neben ihrer Kasse. Weil sie selbst einen 25 Jahre alten Sohnes hat, versetzt sie sich in die dramatische Lage von Pierres Eltern. Und hängt das Bild schließlich ab. „Ich konnte es nicht mehr ertragen, es war so herzzerreißend.“

Dass Pierre Pahlke, der sympathisch lächelnde und manchmal so quengelige Blondschopf, jemals wieder ihren Markt betritt, schließt Monika Schleifenbaum aus. Sie schüttelt den Kopf und sagt mit halber Stimme: „Ich glaube nicht, dass Pierre jetzt irgendwo bei einer lieben Oma hockt.“ Sie, die Mitarbeiter und die Kunden halten eher das Allerschlimmste für wahrscheinlicher: dass Pierre in die Hände eines brutalen Peinigers gefallen ist und schon lange nicht mehr lebt.

Solange es Hoffnung gibt, sucht die Polizei Essen weiter nach Pierre

Die Polizei hingegen legt allergrößten Werten darauf, dass sie den „Fall Pierre“ noch immer als Vermissten- und nicht als Kriminalfall einstuft. „Wir schließen ein Kapitaldelikt nicht mehr aus“, betont Pressesprecher Peter Elke, „aber solange noch ein Fünkchen Hoffnung besteht, geben wir die Suche nach Pierre nicht auf.“

In den ersten Tagen und Wochen bietet die Polizei alles Verfügbare auf, um ihn zu finden: Einsatzhundertschaften und Streifenwagen, Hubschrauber mit Wärmebildkameras und Tauchgruppen, Schutz- und Suchhunde. Auch die Bevölkerung ist aufgewühlt. „Die Drähte des Notrufs glühten an manchen Tagen“, sagt Elke. Selbst Freiwillige, die sich über die Facebook-Seite „Pierre vermisst“ (schon 3250 Unterstützter) verabreden, treten in Aktion. Doch das Ergebnis ist niederschmetternd: Pierre ist wie vom Erdboden verschluckt.

Hunde führen die Fahnder bis an die holländische Grenze 

Anfang Oktober scheint sich eine dramatische Wende anzubahnen. „Mantrailer“-Hunde führen die Fahnder zu einer Wohnung auf der Hubertstraße. Ein 56 Jahre alter Mann gerät unter Verdacht, muss aber wieder auf freien Fuß gesetzt werden, weil es für einen Haftbefehl nicht reicht. „Wir haben auch andere verdächtige Personen überprüft“, ergänzt der Polizeisprecher. Etwa solche, die vorbestraft sind und deshalb als „polizeilich bekannt“ eingestuft sind. Aber auch hier: Fehlanzeige.

Die Eltern tun unterdessen das, was wohl alle Eltern in der gleichen Situation tun würden. Sie suchen ebenfalls fieberhaft, kleben überall in Essen Zettel, sind Tag und Nacht unterwegs - und brechen schließlich vor Erschöpfung zusammen.

Polizei Essen lässt sich im Fall Pierre ungerne in die Karten schauen

Nun richten sich alle Augen auf die Polizei. Doch die lässt sich nur ungern in die Karten schauen. Verfolgen die Ermittler womöglich doch eine wichtige Spur? Anfang November führen die Hunde die Fahnder auf die A 40 und von dort sogar auf die A 3 bis zur holländischen Grenze. Ein Rechtshilfeersuchen ist zwar gestellt, um im Nachbarland weitersuchen zu können. Doch das Verfahren zieht sich - nur schwer nachvollziehbar - schon seit Wochen in die Länge. Ebenso seltsam: Auch die DNA-Spuren, die in der Wohnung in der Hubertstraße sichergestellt sind, sind immer noch nicht ausgewertet, heißt es.

„Trau dich“ haben die Therapeuten Pierre Pahlke in der „Heimstatt Engelbert“ immer wieder gesagt. Die Therapie fing an Früchte zu tragen. Pierre, das anfänglich so schüchterne Kind, hat sich schnell in einen Jungen verwandelt, der pure Lebensfreude verströmt. Ist ihm ausgerechnet dies zum Verhängnis geworden? Hat er am 17. September dem Falschen vertraut?