Die Stadt streicht Stellen - Parkinson würde staunen

Wolfgang Kintscher
Das Rathaus wird schlanker, die Stadt will
Das Rathaus wird schlanker, die Stadt will
Foto: Oliver Müller NRZ
Eine zentrale Erkenntnis des englischen Schriftstellers Cyril Northcote Parkinson lautet: „Arbeit dehnt sich in der Bürokratie in genau dem Maße aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht.“ Was das mit dem „Effizienzgewinn“ durch die städtischen Stellenstreichungen zu tun hat, lesen Sie im Kommentar von Wolfgang Kintscher, Leiter der NRZ-Stadtredaktion.

Essen. Erwarten Sie jetzt bitte keine fachkundigen Erkenntnisse über Schüttellähmung, nur weil wir hier mal kurz auf das „Parkinsonsche Gesetz“ zu sprechen kommen. Der Engländer Cyril Northcote Parkinson, von dem die Rede sein soll, war nämlich kein Nervenarzt, sondern Schriftsteller. Und unter all den Büchern, die dem Mann in 84 Jahren aus der Feder flossen, ist das berühmteste über ein halbes Jahrhundert alt: Es handelt – vielleicht nicht ganz ernst gemeint, aber ernsthaft bedenkenswert – von den geheimen Gesetzen, die das Wesen der Bürokratie ausmachen und von der Frage, ob unsereins daran irgendetwas ändern kann.

Eine zentrale Erkenntnis etwa lautet: „Arbeit dehnt sich in der Bürokratie in genau dem Maße aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht.“ Die Zahl der Bediensteten stehe dabei in keiner Beziehung zu der zu erledigenden Aufgabe, weil die Bürokratie notfalls in einem verwirrenden internen Hin und Her zur Selbstbeschäftigung neigt.

Bürokratie-Blähbauch

Zu untermauern wusste Parkinson das mit Blick auf die britische Marine, deren Beamten-Belegschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts in dramatischem Ausmaß anschwoll – während die Zahl der Offiziere und Matrosen wie auch der Schlachtschiffe im gleichen Zeitraum arg zusammenschrumpfte.

Wer das für eine klischeehafte Schnurre längst vergangener Tage hält, der hat verdrängt, wie in den besten Tagen städtischer Rathaus-Herrlichkeit der städtische Bürokratie-Blähbauch sich weiter aufpumpte, obwohl die Bevölkerungsentwicklung längst auf dem Rückzug war. Noch heute steht man angelegentlich kopfschüttelnd davor, wie ein Anruf im Amt eine Kaskade von Mitarbeitern im Hierarchien-Dschungel beschäftigen kann – bis hin zur achselzuckenden Krönung der Bemühungen, die meist in diesem Satz verdichtet werden: „Dazu kann ich nichts sagen.“

Verwaltungsapparat soll schrumpfen

Wohlgemerkt: Wir reden hier nicht über Servicebereiche, in denen Personalausweise verlängert, Bücher ausgeliehen, Archivmaterialien aus dem Keller geholt oder Sprach- wie Musikkurse gegeben werden. Wir reden über das „Backoffice“, von dem einem Kenner der Szenerie bestätigen: Da ist noch Luft für flache Hierarchien und weniger Selbstbeschäftigung. Oder einen Aufwand, der der Aufgabe angemessen ist, denn auch dies gehört zu Parkinsons Gesetzen: dass die auf einen Tagesordnungspunkt verwendete Zeit „umgekehrt proportional zu den jeweiligen Kosten ist“. Wer’s nicht glaubt, möge die Akten über die Kreditaufnahme in Schweizer Franken mit der Versetzung manches Blumenkübels vergleichen.

Und jetzt soll alles anders werden: Essen ruft die schlanke Stadt aus, verspricht an so vielen Stellen im 55-seitigen Maßnahmen-Katalog „Effizienzgewinne“, dass man sich erstens fragt, ob da bislang allzu bequem in den Tag hinein verwaltet wurde, und zweitens, warum man derlei Kosteneinsparungen nicht schon früher auftat, schließlich reden wir hier vom Geld der Bürger, das verbraten wird.

Diese werden künftig eine ganze Reihe von Zumutungen ertragen müssen, weil man anno 2012 in Essen Parkinson Lügen strafen will. Der Verwaltungsapparat soll schrumpfen, und wenn Sie mich fragen: Ein bisschen mehr Wartezeit in der Telefonschleife würde ich locker hinnehmen, für einen Ausweis, den ich alle paar Jahre brauche, auch aufs Bürgeramt vor Ort verzichten, und meine Leihbücher verbuche ich gern selbst, wenn’s Geld spart. Aber VHS-Kurse zu streichen oder das Stadtarchiv zu einem geschlossenen Ort zu machen – bei Parkinson, da schüttelt’s einen.