Die Sache mit dem Vertrag, dem „untergejubelten“

Wolfgang Kintscher
Essens Oberbürgermeister Reinhard Paß (SPD).
Essens Oberbürgermeister Reinhard Paß (SPD).
Foto: WAZ FotoPool
Anmerkungen zu Essens Oberbürgermeister Reinhard Paß – ein Kommentar von Wolfgang Kintscher, Leiter der NRZ-Redaktion Essen.

Essen. Was denn, „GroKo“ als Wort des Jahres? Da wissen wir was Besseres. Wie wär’s mit „Unterjubeln“? Einen Tag lang hat der Oberbürgermeister mit diesem Begriff den bemerkenswerten Umstand begründet, dass er als Aufsichtsratschef der Entsorgungsbetriebe einen komfortablen Aufhebungsvertrag für Klaus Kunze unterzeichnete, einen, den man – allen staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen und Schadensersatz-Prüfungen zum Trotz – nur als Persilschein für den Ex-Geschäftsführer der EBE verstehen konnte.

„Untergejubelt“, das hat gesessen. Weil es auf Anhieb nach einer konspirativen Verschwörung klingt, mindestens aber nach einem abenteuerlich fahrlässigen Umgang mit einem sehr ernsten Thema bei niederen Chargen. Auf jeden Fall aber sollte der Begriff wohl signalisieren: Wer immer Schuld trägt an dieser Sache, der OB selbst war’s nicht.

Hier aber irrt Reinhard Paß. Natürlich zeichnet das Stadtoberhaupt zahllose Schriftstücke nennenswerten Umfangs gegen, bei denen ihm niemand die detaillierte Kenntnis der Texte abverlangt. In einem Fall aber, bei dem es um Korruptionsverdacht und staatsanwaltschaftliche Ermittlungen geht, um die keineswegs alltägliche arbeitsrechtliche Trennung vom Chef eines wichtigen städtischen Beteiligungsunternehmens und seine eigene Verwicklung in dessen umstrittenes Geschäftsgebaren – in einem solchen Fall darf man vom Oberbürgermeister und Aufsichtsratschef wohl erwarten, dass er sich durch nicht gerade unübersichtliche 25 Zeilen Text quält.

U
nd man darf erwarten, dass gestellte Fragen beantwortet werden, wer da wann wie wo wen auf den Fauxpas aufmerksam machte und wie es sein kann, dass die Suche nach dem vermeintlichen Unterjubler – obwohl seit Wochen in der Welt – erst in dem Moment startete, da die Medien die Chose aufgriffen. Doch stattdessen: Funkstille. Und Tags darauf der klammheimliche Abschied von eben jenem Begriff, weil ja doch alles nur ein beklagenswerter Fehler gewesen sei, und Fehler, nicht wahr, die machen wir ja alle mal.

E
s ist nur so, dass sie in der EBE-Affäre ein mittlerweile bemerkenswertes Ausmaß angenommen haben. Was wusste Paß, und wann wusste er es? Wie kommt es eigentlich, dass der einstige SPD-Ratsherr Harald Hoppensack vier Jahre hintereinander gemäß dem Gesetz zur Korruptionsbekämpfung dem OB einen Beratervertrag meldet, dieser aber nicht ein einziges Mal wie nach der Ehrenordnung des Rates vorgeschrieben, den Hauptausschusses darüber informiert?

Und stimmt es eigentlich, dass den bei der EBE eingeschalteten Sonderprüfern bislang ein umfänglicher Einblick in die Geschäfts- und Finanzunterlagen verwehrt geblieben ist? Gibt’s was zu verheimlichen? Wieso kriegt der OB es ums Verrecken nicht gebacken, banalste Fragen der Ratsfraktionen zu seinem Wissen in der EBE-Affäre zu beantworten? Und da reden wir noch gar nicht von der Nonchalance, mit der sich der OB und sein Team auch bei anderen Themen – die Messe-Plakatierung etwa – über selbst gesetzte Regeln hinwegsetzt.

Wer so agiert, muss sich nicht wundern, dass (womöglich ungerechtfertigte) Verdächtigungen ins Kraut schießen. Dass alles in allem eher der Eindruck entsteht, als sollte zwangsweise unter der Decke gehalten werden, was ans Tageslicht gehört. Und dass die Paß’sche Ignoranz auf der Hand liegender Fragen System hat. Oder ist einfach nur die Arbeit an der Stadtspitze schlampig organisiert? Auch das wäre fatal, weil davon im Zweifel ja nicht nur das Krisenmanagement in Sachen EBE betroffen wäre.

N
icht einmal die eigenen Genossen mögen dem OB noch beispringen. Mancher scheint in diesen Tagen sogar froh, dass Paß zur Kommunalwahl im Mai nicht zur Wahl steht, weil die EBE-Sache an ihm haftet wie ein klebriger Kaugummi unterm Absatz, mit womöglich negativen Auswirkungen aufs Stimmergebnis. Die Sorge mag übertrieben sein, weil das Gedächtnis der Bürger in derlei Fragen doch eher auf Verdrängung ausgelegt ist.

Es sei denn, es gibt diesen einen Begriff, der einem die EBE-Nummer von damals noch mal in Erinnerung ruft. Weißte noch, wird es dann heißen, die Sache mit dem Vertrag, dem „untergejubelten“?

Und alle schütteln lachend die Köpfe.