"Die Partei" könnte im Essener Stadtrat zur Mehrheitsbeschafferin werden

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„Die Partei“ hat den Sprung in den Essener Rat geschafft. 1528 Wähler stimmten bei der Kommunalwahl am Sonntag für die Satirepartei. Warum die Parteien-Konstellation im Rat Politiker Matthias Stadtmann zu einem gefragten Partner macht.

Essen.. Wer zuletzt lacht, lacht am besten. In diesem Sinne hat Matthias Stadtmann nicht nur Humor bewiesen, sondern einen langen Atem. Gut, es hat ein paar Jahre gedauert bis der Freizeitpolitiker mit dem Talent zum absurden Auftritt ein Mandat gewonnen hat. Dem kommenden Essener Stadtrat wird der Berufsschullehrer angehören, als Vertreter von „Die Partei“.

Würde es die Satirepartei nicht schon geben, Stadtmann hätte sie erfinden können. Unvergessen sein Straßenwahlkampf als Kandidat für das Amt des Oberbürgermeisters 2004. Stadtmann kleidete sich seinerzeit im rot-weiß gestreiften Hemd einer namhaften Baumarktkette, deren Ex-Besitzer Kommunalpolitiker mit kleinen Geschenken in Filz-Verdacht gebracht hatte. Schon als OB-Kandidat ging es Stadtmann nicht nur um Spaß an der Freud’. Hinter vordergründigem Blödsinn steckte auch damals schon eine Botschaft. Sein Wahlkampf lief jedenfalls wie geschmiert, der OB-Anwärter holte mehr Stimmen als der Kandidat der FDP.

Protesthaltung auf unverkrampfte Weise in Stimmen umgemünzt

Die etablierten Parteien hätten also gewarnt sein können. Das gilt für alle, die Stadtmann und „Die Partei“ den Sprung ins Stadtparlament nicht zugetraut haben, uns selbst eingeschlossen. 1528 Wähler haben am Sonntag auf dem Wahlzettel ihr Kreuzchen hinter „Die Partei“ gemacht. Ob sie tatsächlich der Meinung sind, die Stadt solle den Berthold-Beitz-Boulevard lieber nach dem Rüttenscheider Schnulzensänger René Pascal benennen, wie es „Die Partei“ im Wahlkampf gefordert hat? Möglich. Wahrscheinlicher ist, dass es Stadtmann und seinen Mitstreitern gelungen ist, eine Protesthaltung auf unverkrampfte Weise in Stimmen umzumünzen, nicht mit Moralin, sondern mit ernstem Witz.

Die anderen Parteien müssten sich schon selbst hinterfragen, wenn es „ein paar Bekloppte“ in den Rat schaffen, sagt Stadtmann selbst. Sollte dies das Ziel gewesen sein, wäre die Mission vielleicht schon erfüllt. Matthias Stadtmann hat aber nicht etwa die Absicht, sein Mandat alsbald wieder zurückzugeben wie es Parteichef Martin Sonneborn fürs EU-Parlament angekündigt hat, damit auch verdiente Parteifreunde an Brüssel mitverdienen.

Stadtmann hat im Essener Stadtrat „reale Anliegen“: Die leerstehende Schule an der Bärendelle wünscht er sich als Ersatz fürs Jugendzentrum Papestraße, das Open-air-Festival im Löwental soll nicht jedes Jahr aufs Neue um Zuschüsse zittern müssen. „Inhalte überwinden“ wie im Wahlslogan? Von wegen. Dass die Konstellation im Rat ausgerechnet einen Spaßvogel zum Mehrheitsbeschaffer machen könnte, zeigt: Das Wahlvolk hat offenbar Sinn für Humor.

 
 

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