„Die Gerechten“ – zwischen Rebellion und Terror

Sebastian Hartmann, Thorsten Simon, Aless Wiesemann, Tim Voss, Richarrd Wilke (v. l.) sind „Die Gerechten“.
Sebastian Hartmann, Thorsten Simon, Aless Wiesemann, Tim Voss, Richarrd Wilke (v. l.) sind „Die Gerechten“.
Foto: Frank Vinken
Studio-Bühne zeigt Albert Camus’ „Die Gerechten“. Das Stück behandelt die Frage, ob Ideologie und Menschlichkeit immer im Einklang zu bringen sind.

Essen. Ist jedes Mittel Recht, um sich gegen Gewalt aufzulehnen – auch Gegengewalt? Dies ist eine der zentralen Fragen, denen Albert Camus in seinem Drama „Die Gerechten“ nachgeht: Es untersucht die Grenzen zwischen Terror und Rebellion, Idealismus und Menschlichkeit. Ein zeitloser Stoff, dem sich nun die Studio-Bühne angenommen hat.

Russland 1905: Mitglieder einer geheim operierenden Terrorzelle planen ein Attentat auf den Großfürsten. Doch als der Anschlag misslingt, flammt ein Disput über Gewalt und Gerechtigkeit zwischen den Protagonisten auf. Denn in der Kutsche, auf der die Rebellen den Anschlag verüben wollten, sitzen auch zwei Kinder. Ist es moralisch vertretbar, diese Kinder für die „gute Sache“ zu opfern? Oder ist dies eine Grenze, die die Freiheitskämpfer nicht übertreten dürfen? Jeder der fünf Rebellen in Camus’ Stück steht für eine andere Position in dieser Moralfrage.

Arbeit mit einem bewährten Team

Auch wenn die Personen in „Die Gerechten“ alle wirklich gelebt haben, so ist das Stück nicht als historisches Drama zu verstehen, versichert Regisseurin Kerstin Plewa-Brodam: „Die Frage nach der Legitimation politisch motivierter Attentate ist zeitlos. In den 70er Jahren etwa wurde diese Frage durch die Rote Armee Fraktion aktuell, heute hat der IS sie wieder ins Bewusstsein gespült“. Nachrichtenbilder über den Islamischen Staat seien auch der Auslöser dafür gewesen, sich an dieses Stück zu wagen“, so Plewa-Brodam.

Und dies wagt sie mit einem bewährten Team: Ein Großteil vor und hinter der Bühne war schon an der Umsetzung des US-Romans „Von Mäusen und Menschen“ aus der Feder von John Steinbeck beteiligt, mit der die Studio-Bühne einen großen Erfolg feiern konnte. Anke Kortmann etwa, die hauptberuflich als Garedrobenmeisterin am Grillo-Theater tägig ist, hat für die Produktion wieder die Kostüme entworfen und gefertigt. „Ich habe mich für eine Mischung aus historischen und zeitgenössischen Kostümen entschieden“, erläutert sie – und unterstreicht damit den Anspruch der Regisseurin, sich in der Inszenierung nicht auf eine Zeit festzulegen. Auch Sarah Jäger gehört als Dramaturgin wieder zum Team: „Ich habe der Vorlage den Pathos genommen, der nicht mehr in die heutige Zeit passt“, erläutert sie.

Ein menschliches Gesicht für den unterdrückenden Staat

Neu dabei ist Tim Voss: Der 30-jährige ist über das theaterpädagogische Projekt „Sturm & Drang 2.0“ zur Studio-Bühne gekommen. „Die Gerechten“ ist nun das erste reguläre Stück des Amateurensembles, bei dem der Bankkaufmann mitwirkt: Er spielt einer der Terroristen. „Wobei uns der Zuschauer ja eher als – wie der Stückname ja schon impliziert – die Gerechten sieht“, ist er überzeugt.

Doch Anke Kortmann gibt zu bedenken, dass Camus auch der Seite des unterdrückendem Staats ein menschliches Gesicht gibt: „An dieser Stelle kann auch der Zuschauer Zweifel bekommen, ob die Rebellion rechtens ist.“

 
 

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