Die erste Halbzeit

Rainer Doliv sitzt im Vereinsheim der Kleingartenkolonie Hegerkamp und betrachtet alte Fotos seines Fußball-Idols Helmut Rahn.
Rainer Doliv sitzt im Vereinsheim der Kleingartenkolonie Hegerkamp und betrachtet alte Fotos seines Fußball-Idols Helmut Rahn.
Foto: WAZ FotoPool
Helmut Rahn startete seine Karriere einst beim SV Altenessen 1912. Rainer Doliv, damals ein kleiner Junge aus der Nachbarschaft, hat die Anfänge dieser besonderen Fußballerlaufbahn miterlebt. Bis heute sammelt er alles, was mit dem „Boss“ zu tun hat und kümmert sich um dessen Andenken.

Essen.. Für Rainer Doliv ist 1947 ein besonderes Jahr. Es ist sein Geburtsjahr und zugleich die erste Saison, in der Helmut Rahn „gegen einen Ball trat.“ Sieben Jahre später schoss Rahn das entscheidende Tor im WM-Finale gegen Ungarn. Als der siegreiche Flügelspieler bei seiner Rückkehr in Altenessen von jubelnden Fans empfangen wurde, wartete Doliv mit Fähnchen in der ersten Reihe. Auch heute steht er wieder vor dem alten Zechenhaus am Leseband 28. „Die meisten Leute wissen es gar nicht mehr, aber hier wurde Helmut Rahn geboren und auf den Wiesen da hinten, hat er mit dem Fußball angefangen“, berichtet Doliv, der seinem Idol folgend, ebenfalls viele Jahre im SV Altenessen 1912 spielte. „Das hier war Rahns erste Halbzeit. Die Friesenstube war dann nur die Schlussphase, um in der Fußballsprache zu bleiben.“

Mittlerweile, so scheint es jedenfalls, ist Rainer Doliv in seiner Nachbarschaft fast genauso bekannt, wie einst der „Boss“. Überall wird der 66-jährige Rentner angesprochen, dabei will er gar nicht im Mittelpunkt stehen, sondern sich für seinen Stadtteil engagieren und so das Andenken an den Helden seiner Kindheit bewahren. 2004, pünktlich zum 50. Jubiläum des „Wunders von Bern“, stand Doliv bereits mehrfach im Mittelpunkt. In seiner Tasche hat er einen schweren Aktenordner, indem er hunderte Fotos, Autogrammkarten und Zeitungsausschnitte aufbewahrt. Auf manchen Zeitungsseiten ist auch er zu sehen. Auf den Bildern ist er ein wenig schlanker, aber der konzentrierte Gesichtsausdruck und die blaue Baseballmütze sind unverändert.

Public Viewing neben Geburtshaus

Während der Spiele in Brasilien trifft sich der frühere Elektriker mit Freunden und ehemaligen Arbeitskollegen zum Public Viewing im Vereinsheim der Kleingartenkolonie Hegerkamp. Beim Spiel gegen Ghana, konnte Doliv rund 220 Mann zusammen trommeln. Rahns Geburtshaus ist keine 300 Meter entfernt. Da ist es nicht verwunderlich, dass so mancher gelegentlich mit Wehmut an den „Boss“ zurück denkt und sich wünscht, Rahn würde aus dem Hintergrund schießen. Wer freundlich fragt, den führt Doliv nach Abpfiff durch den Kiez und zeigt die Orte, an denen der Bergmannssohn gewirkt hat. „Da vorne hatte jemand ein paar Brieftauben“, erzählt Doliv und zeigt auf ein weiteres Zechenhaus. „ Sonntags stand Rahn da oft und hat sich um die Tiere gekümmert. Er hätte damals überall spielen können. Wichtiger waren ihm aber seine Kumpels aus Altenessen.“

Die Bodenständigkeit, die sich Rahn auch nach seinen Erfolgen behielt, beeindrucken Doliv bis heute. Umgekehrt hält er die meisten der heutigen Fußballstars für abgehoben. Jüngeren Fußballfans erzählt Doliv daher gerne Anekdoten, in denen es um Kartenspiele und Stauder-Pils geht. „Es kam häufig vor, dass Georg Melches, der damalige Trainer von Rot-Weiss Essen seinen Fahrer zu uns in die Gegend schickte. Der sollte dann Rahn zum Spiel ins Stadion fahren“, berichtet der Altenessener über beide Backen strahlend. „Rahn hat dann erst noch sein Bier ausgetrunken, angekündigt zwei Tore zu schießen und abends wieder zurück zu sein. Und genau so kam es dann auch.“

Alles im Ordner archiviert

Ein paar mal hat Doliv den „Boss“ persönlich getroffen. Dass Rahn ein Trinker gewesen sein soll, will er so nicht stehen lassen. „Rahn hat das Leben genossen. Er brauchte das auch, die Leute um ihn herum. In Madrid oder Barcelona wäre er im goldenen Käfig gestorben. Hier war er einer von uns.“ Das Stadion, in dem beide damals spielten, gibt es heute nicht mehr. Auf dem Gelände befindet sich die rund 50 Meter hohe Schurenbachhalde. Doliv hat die Entwicklung des Stadtteils in seinem Aktenordner archiviert. An der Bushaltestelle wollen die Leute deshalb auch von ihm wissen, wie es mit dem Kanal weitergeht, der gerade gebaut wird. „Rainer“, ruft dann irgendjemand aus einem Fenster und Doliv grüßt freundlich zurück.

Der 66-Jährige hat auch einige Fragen. Zum Beispiel will er wissen, wie es mit dem Erbe von Rahn weitergehen soll. Mit seinem dicken Aktenordner war er bereits bei Rot-Weiss Essen. Aber bislang hat niemand so richtig Interesse gezeigt. Und als vor ein paar Jahren eine neue Siedlung in der Nachbarschaft gebaut wurde, nannte man die Straße „John-Lennon-Weg“. Rainer Doliv will jetzt erstmal Fußball gucken und ein Pils trinken. Danach will er sich wieder um Rahn kümmern.

 
 

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