Der Wandel in Bergerhausen

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Essen. Auch vor Bergerhausen macht eine Entwicklung nicht Halt: der einst dörfliche Charakter ist dem eines anonymer werdenden, urbanen Wohngebietes gewichen. Für manche Alteingesessene ist das gewöhnungsbedürftig.

Wer aus dem Südosten mit dem Auto in die Innenstadt oder auf die A 52 will, passiert zwangsläufig Bergerhausen. Die viel befahrene Ruhrallee hat für den Stadtteil einen sehr einschneidenden Charakter – heute mehr denn je. Abseits der trennenden Blechlawine liegen die Wohngebiete, oft eingerahmt von Grünflächen. Doch auch vor Bergerhausen macht eine Entwicklung nicht Halt: der einst dörfliche Charakter ist, bedingt durch die Nähe zum Stadtkern, dem eines anonymer werdenden, urbanen Wohngebietes gewichen.

„Es wurde alles platt gemacht“

Für manche Alteingesessene ist dieser Wandel gewöhnungsbedürftig. Hermann Welp, Jahrgang 1954, führt in dritter Generation die Bäckerei der Familie. Seit 1911 buken seine Vorfahren ihre Brötchen im Stammhaus an der Rellinghauser Straße 286. „Eigentlich wurde der Stadtteil durch Zechen und Industrie geprägt“, weiß Welp. Einige gehörten zu den ältesten Bergwerken im Ruhrgebiet, die noch hübsche Namen hatten: Kunstwerker, Sonnenschein oder Wasserfall. 1963 schloss mit Zeche Ludwig die größte und bekannteste. „Es wurde alles platt gemacht“, so der Bäcker.

Das gleiche Schicksal ereilte auch die „Kappesfabrik“ in der Werrastraße. „Dort wurde aus Kohlköpfen Sauerkraut gemacht“, erzählt der Bergerhauser. Damals hätten noch Pferdewagen die „Kappesköppe“ über Kopfsteinpflaster transportiert. „Die Kinder haben die heruntergefallenen stets aufgesammelt“, lacht er.

Auch Orte seiner Jugend sind verschwunden, neue Bauten nahmen ihren Platz ein. „Hinter der Sparkasse an der Weserstraße war der ,Alte Ludwig‘. Das Feld war Spielplatz und Treffpunkt zugleich“, sagt Welp. Dort befand sich auch ein alter Bunker, der irgendwann zugeschüttet wurde. Gleiches gilt für die Tulpenfelder der Gärtnerei Schley - hier befindet sich nun der Büropark an der Ruhrallee. „Wir Kinder durften schon damals nur bis zur Ruhrallee, aber nicht herübergehen“, erinnert sich Welp.

„Coca Cola“-Siedlung ist immer noch ein gebräuchlicher Begriff für die Diemelstraße

Nach dem Zweiten Weltkrieg sorgten die Siedlungen für spezielle Berufsgruppen für ein Ansteigen der Bevölkerungszahlen. Familien mit fünf bis sechs Kindern seien keine Seltenheit gewesen. „Im Lionweg war Schutzmannshausen“, lacht Hermann Welp über den Volksmund. Gemeint ist eine ehemalige Polizisten-Siedlung.

An der Weserstraße war die Heimstatt vieler Postler - und der dortigen Gagfah-Siedlung, in der Lehrer und Finanzbeamte unterkamen. „Da kam auch niemand anderes in die Wohnungen herein“, so Welp. Viele sind bereits restauriert worden und die Wohnungsbaugesellschaften bieten sie zum Kauf an. Die Gärten hinter den Häuserblöcken sind grüne Oasen. Spechte, Eichhörnchen und Co. haben die Flächen für sich entdeckt.

„Coca Cola“-Siedlung ist immer noch ein gebräuchlicher Begriff für die Diemelstraße. Bis zum Umzug nach Berlin hatte der Getränkeriese seine Europa-Zentrale und eine Abfüllanlage an der Max-Keith-Straße, im heutigen Gewerbegebiet „Zeche Ludwig“. „Die Leute waren richtig traurig, als die weggingen“, meint Hermann Welp. Heute sitzen in dem Areal, das vom Walpurgistal, der Rellinghauser Straße und der A 52 eingegrenzt wird, Handwerker, KfZ-Werkstätten, Dienstleister, und Supermärkte.

Ein Blickfang ist das fünfstöckige ehemalige Verwaltungsgebäude des Großhandels „Nürnberger Bund“ am Ende der Schürmannstraße - ein denkmalgeschützter Bau von 1925. Zum Walpurgistal hin erstrahlt das Ensemble des uralten Schürmannhofes, der auch unter dem Namen „Bauer Gantenberg über die Grenzen Bergerhausens bekannt ist.

„Im Winter konnte man dort immer gut Schlitten fahren“, erzählt Welp. 2004 erwarb Dieter Ochel, Schäfer und Ingenieur, den Hof von der Stadt und realisierte dort Seniorenwohnen mit Tieren. Seither erfreut sich eine kleine Alpaka-Herde großer Beliebtheit.

Schließung von St. Raphael

Der Wandel in Bergerhausen ist auch mit dem Verlust von Eigenständigkeit einhergegangen. Das trifft auch auf die Katholiken zu. Als einzige Heimat ist die dreischiffige, neugotische Hallenbasilika St. Hubertus verblieben. Die Kirche an der Töpferstraße wurde von 1912 bis 1914 nach den Plänen von Josef Kleesattel gebaut. Unmut löste dagegen die Schließung der in den 1960er Jahren errichteten Kirche St. Raphael an der Peenestraße aus. Sie soll in ein Mehrgenerationen-Wohnprojekt umgebaut werden. Die Umsetzung lässt jedoch auf sich warten.

Die Bergerhauser Gemeinde gehört mittlerweile zu St. Lambertus in Rellinghausen. Eine gewisse Rivalität zwischen den beiden Stadtteilen kann auch Hermann Welp nicht leugnen. „Das war besonders auf der Bezirkssportanlage ,Am Krausen Bäumchen’ zu bemerken“, sagt der Bäcker. Aus den Konkurrenzvereinen ist mittlerweile der ESC Rellinghausen 06 hervorgegangen. „Besonders unter den Jugendlichen hat man sich mit Argusaugen beobachtet, etwa wenn die Bergerhauser zur Annen-Kirmes auf dem Ardey-Platz gingen“, blickt er zurück.

Die „Grenzkonflikte“ haben zum Teil auch eine ironische Note. „Auf der Bergerhauser Seite im Annental war eine Kläranlage, auf Rellinghauser Seite die schöne Annenkapelle“, stichelt er. Einen historischen Bezug gibt es auch. Daran erinnert die Straße „Am Krausen Bäumchen“. Als eine Art Wegkreuz sei sie, so Welp, Grenze der Gerichtsbarkeit des Rellinghauser Stiftes gewesen. Der Ausspruch „Wir sind noch nicht am krausen Bäumchen“ meint soviel wie „Man hat sein Ziel noch nicht erreicht“ – das könnte auch für Bergerhausens Zukunft gelten.

 
 

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