Der Tenor als Computer-Kauz

Ungewohntes Outfit für Rainer Maria Röhr als Piet vom Faß in „Le Grand Macabre“. Hinter ihm lauert schon der Tod.
Ungewohntes Outfit für Rainer Maria Röhr als Piet vom Faß in „Le Grand Macabre“. Hinter ihm lauert schon der Tod.
Foto: waz
Aalto-Sänger Rainer Maria Röhr über seine Rolle in der prallen Weltuntergangs-Groteske „Le Grand Macabre“ und die Lust am zeitgenössischen Musiktheater.

Essen. Sollte Ihnen heute Abend ein zottelhaariger Typ mit etwas abgerissenem Outfit im Aalto-Theater begegnen, seien Sie nicht allzu streng. Der komische Kauz, der wie ein Irrläufer aus dem Chaos-Computer-Club aussieht, könnte Opernsänger Rainer Maria Röhr sein!

Über 20 Jahre ist er nun schon Ensemblemitglied am Opernhaus, aber so hat der 49-Jährige auch noch nie ausgehen. Schon im Foyer sorgt dieser Piet vom Faß laut Regieanweisung dieser Tage für den ein oder anderen irritierten Blick. Röhr lacht und streicht sich über die im wahren Leben etwas lichtere Haarpracht. Modernes Musiktheater macht manches möglich. Beispielsweise, dass Opernsänger gar nicht aussehen wie Opernsänger, sondern wie Computer-Nerds.

Mit der Ligeti-Oper „Le Grand Macabre“ in der Inszenierung von Mariame Clément hat sich das Opernhaus in eine aufregende Klangwelt jenseits der ausgetretenen Repertoire-Pfade gewagt. Über 35 Jahre ist diese pralle Operngroteske über den anstehenden Weltuntergang schon alt und immer noch eine Rarität auf den Spielplänen. Denn der Aufwand für ein zeitgenössisches Werk wie dieses ist hoch, während die Auslastung bei moderner Musik tendenziell in den Keller geht.

Klangabenteuer mit Türklingeln

Wenn die Oper sich aus spätromantischen Harmoniegewohnheiten in die Atonalität verabschiedet, bleibt ein Teil des Publikums lieber zuhause. Dabei fordert so ein Klangabenteuer mit Autohupen und Türklingeln vom Aalto-Ensemble und den Essener Philharmonikern ein ganz besonderes Engagement.

Eine Mozart-Partie hat man irgendwann im Repertoire, Ligeti nicht. „So ein Stück muss in einen reinkriechen“, schildert Röhr den Prozess. Während der frühen Einstudierungsphase hat sich der Sänger deshalb schon mal gefragt, „wie ich das jemals auf die Bühne bringen kann“. Er wird nicht der einzige Künstler gewesen sein, der über den extremen Tonfolgen zunächst verzweifelt ist. „Aber wer soll es machen, wenn nicht wir als städtisches Theater?“, fragt der gebürtige Essener und erzählt begeistert von den beglückenden Probenzeiten.

Musikalischer Werdegang hat früh angefangen

„Ich kann mich an keine Zeit in meinem Leben erinnern, in der ich nicht mit dieser Musik zu tun hatte“, sagt Röhr. Und dieser musikalische Werdegang hat früh angefangen. Röhr hat ganz klassisch als Domsingknabe begonnen, am Werdener Gymnasium sein Musik-Abitur gemacht und später an der Folkwang-Hochschule studiert. Das erste Engagement bekam er am Theater Osnabrück, Gastspiele führen ihn regelmäßig nach Hamburg oder Dresden. Mit Ende 20 ist er wieder nach Essen gekommen – und geblieben. Es ist nicht unbedingt der Normalfall im oft ziemlich bewegten Leben eines Opernsängers, aber für Röhr ist es ein „Glücksfall“. „Das Opernhaus ist fantastisch, die Atmosphäre wunderbar.“ Was könnte man sich mehr wünschen, als all das in seiner Heimatstadt vorzufinden.

Er hat den Mimen im „Siegfried“ gesungen und den Monostatos in der „Zauberflöte“, er war der Eisenstein in der „Fledermaus“ und der Stewa in „Jenůfa“ und bald wird er im „Fallstaff“ zu hören sein. „Mir sind die Rollen am liebsten, die mit mir persönlich am wenigsten zu tun haben“, sagt Röhr. Und dann zieht er sich die struppige Perücke auf den Kopf. Sollten Sie demnächst in „Le Grand Macabre“ zu Gast sein, achten Sie mal auf den Mann in der Reihe 4.

 
 

EURE FAVORITEN