Der Engel und die Obdachlosen vom Essener Hauptbahnhof

Kristina Malters hat Ulli H. ins Krankenhaus gebracht.
Kristina Malters hat Ulli H. ins Krankenhaus gebracht.
Foto: Knut Vahlensieck/ FUNKE Foto Services
Kristina Malters kümmert sich um Obdachlose. Ulli H. hat sie womöglich vor einer Amputation bewahrt. Sie prangert die Ordnungskräfte an, die die Szene-Leute vom warmen U-Bahn-Schacht vertreiben.

Essen.. Der Lüftungsschacht am Essener Hauptbahnhof: Sie sind obdachlos und betteln, sie kampieren in schmutzigen Schlafsäcken und schlucken ziemlich viel Billigbier. Ein Anblick, bei dem die einen angewidert die Augen verdrehen, während die anderen verstört oder gleichgültig vorbeihasten. Hartherzig wegschauen und teilnahmslos bleiben – das hat Kristina Malters irgendwann nicht mehr geschafft. Gut sechs Wochen ist es her, da ist die 44 Jahre alte Essenerin einfach auf die Obdachlosen zugegangen. „Ich habe die Leute gefragt, ob sie etwas benötigen“, berichtet sie. Es sollte der Beginn einer ungewöhnlichen, ja anrührenden Freundschaft werden - die zwischen der Frau in schicken Designerklamotten und denen, die sich selber „Penner“ nennen.

Es ist Montagabend und wir begleiten Kristina Malters nach Kupferdreh ins St. Josef-Krankenhaus. Sie öffnet die Tür zu Zimmer 457 und sagt mit warmer Stimme: „Hey, Großer!“. Der „Große“, das ist Ulli H., der schon seit Wochen auf dem Schacht lebt. Die rechte Hand in Gips hockt er jetzt auf dem Bett und ist glücklich über den Besuch. „Kristina ist mein Engel“, sagt er.

"Jeder hat das, was ein anderer braucht"

Vor bald zwei Wochen hat sie auf der „Platte“ mit Ulli und seinen Freunden noch seinen 49. Geburtstag gefeiert. „Mit Burgern und Dosen-Prosecco von Lidl“, erzählt sie. Mal besorgt sie Zigaretten, dann verschenkt sie ihren Schlafsack und bringt warme Fäustlinge mit. „Wir sind alle Menschen und jeder hat das, was ein anderer braucht“, sagt sie. Weder eine große Organisation steht hinter ihr, noch ein pralles Bankkonto. Was sie schon seit ihrer Kindheit antreibt: der Drang, jenen zu helfen, die im Abseits stehen. Die Leute aus der Obdachlosen-Szene freuen sich selbst dann auf sie, wenn sie mit leeren Händen zur Platte kommt. Denn sie gibt ihnen, den Ausgestoßenen, zurück, was sie mindestens genauso dringend benötigen wie Essen, Trinken und eine warme Decke: Würde und Respekt.

Der Engel und die Penner: Tagelang hat Kristina Malters, die Vorstandsassistentin, eine ausgesprochen elegante Erscheinung, nach Feierabend Ullis Schnittwunde gepflegt. „Ich wollte Bierflaschen wegräumen und habe in eine Scherbe gefasst“, erzählt der Patient. Sie versorgt den gelernten Schreiner aus Altenessen mit antibakteriellen Salben, verbindet die Wunde und bemerkt, wie sich sein Zustand trotzdem zusehends verschlimmert. Letzten Samstag schließlich bringt sie ihn ins Krankenhaus, wo sich der Verdacht auf Blutvergiftung bestätigt. „Es hätte nicht viel gefehlt und sie hätten ihm die Hand amputieren müssen“, sagt sie. Seine dreckige Wäsche – die hat sie übrigens mit zu sich genommen und gewaschen zurückgebracht.

Die Heldin des Alltags

Was treibt diese couragierte Einzelkämpferin, diese „Heldin des Alltags“, eigentlich an? „Für Nächstenliebe ist immer Zeit“, erwidert sie spontan. Nun, das mag ziemlich klischeehaft klingen, aber Kristina Malters lebt diese Nächstenhilfe wirklich und erzählt eine typische Anekdote aus ihrer Grundschulzeit in Heisingen. „Es gab einen Jungen, den die ganze Klasse gemieden hat, da habe ich ihn einfach mal Zuhause besucht.“

Auf der Fensterbank in der Klinik steht ein kleines Foto: Es zeigt die beiden bei der Geburtstagsfeier auf der Platte. Daneben liegt ein schmaler Band mit dem Titel „Der heilige Erwin“, ein herzerwärmende Weihnachtsgeschichte, in der Gott in den Körper eines Obdachlosen schlüpft. Sie setzt sich zu ihm aufs Bett, hält zärtlich seine Hand, ab und zu lehnt Ulli seinen Kopf an ihre Schulter.

So charmant unser „Engel“ wirken mag, so unerbittlich und prinzipienfest ist Kristina Malters, wenn es um die Obdachlosen in dieser Stadt geht. „Sie sind ebenfalls Essener Bürgerinnen und Bürger“, mahnt sie. Jedes Mal, wenn Ordnungskräfte ihre Kumpel bei bitterer Kälte vom warmen Schacht vertreiben, ziehe ihr ein Schauer über den Rücken. „Ich habe geheult, als einmal alles beschlagnahmt oder weggeworfen wurde: die Schlafsäcke, die Taschen mit der Kleidung und die Tüte mit den Wundsalben.“

 
 

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