Der echte Dr. Sommer kommt zur Bravo-Ausstellung nach Essen

Erwin In het Panhuis eröffnete die Bravo-Ausstellung in der Universitätsbibliothek Essen. Foto: Alexandra Umbachl
Erwin In het Panhuis eröffnete die Bravo-Ausstellung in der Universitätsbibliothek Essen. Foto: Alexandra Umbachl
Foto: WAZ FotoPool
Aufklärung und Aufregung - Die Universitätsbibliothek Essen zeigt die Ausstellung „50 Jahre Schwule und Lesben in der Bravo“. Am 17. Mai kommt Dr. Martin Goldstein, der hinter dem Pseudonym Dr. Sommer steckt, zu Besuch.

Essen. Sein Liebeslexikon liegt jetzt in der Vitrine. Für Besucher zur Schau gestellt. Das findet Erwin In het Panhuis witzig, hat er es doch in den 70er und 80er Jahren leidenschaftlich gesammelt. Nun sind die Blätter Teil einer Ausstellung, die in der Universitätsbibliothek gezeigt wird: „50 Jahre Schwule und Lesben in der Bravo.“

Durch die Vorbereitungen ist der 45-jährige Kölner regelrecht zum Bravo-Experten geworden: „Wenn man so eine Ausstellung plant, dann sollte man alle Hefte in der Hand gehabt haben.“ 2700 sind es geworden. Gefunden hat er sie als Mikrofilm in der Kölner Uni-Bibliothek. Manche Hefte hat er im Internet ersteigert. 25 Euro kostete die Erstausgabe bei Ebay, obwohl es ein Nachdruck war, erzählt er.

Kölner Centrum Schwule Geschichte ließ Homosexualität in der Zeitschrift aufarbeiten

Wie es überhaupt zur Ausstellung kam: Als die Bravo 2006 ihren 50. Geburtstag feierte, fand sich das Kölner Centrum Schwule Geschichte, sie könnten Homosexualität in der Zeitschrift aufarbeiten, berichtet In het Panhuis, der ehrenamtlicher Vorsitzender des Centrums ist. Einen Job hat der Diplom-Bibliothekar zu der Zeit nicht gehabt, also widmete er sich der Bravo.

Er selbst hat sie so mit 16 oder 17 Jahren gelesen. Viel zu spät: „Ich schäme mich fast dafür“, sagt er schmunzelnd. Nicht aber für das Poster mit der barbusigen Bo Derek, das sein großer Bruder aufhängte, als er 15 war. Das Bild musste wieder weg.

Die Bravo gehört einfach zum Erwachsenwerden

Schon damals fanden Erwachsene die Bravo zwar nicht koscher, verboten war sie nicht. Sie gehört(e) einfach zum Erwachsenwerden, sei eine Art Jugendbewegung im Kleinen. Heute stellt der 45-Jährige fest, dass Erwachsene bei Bravo an Dr. Sommer denken. Jugendliche kaufen sie aber eher wegen der Musik- und Bandberichte. „Ich habe außer dem Liebeslexikon auch ABBA-Poster gesammelt.“ Related content

Überrascht hat In het Panhuis die Berichterstattung über Aids und HIV, weil sie schlecht sei. Das Problembewusstsein fehle. Wenig Gutes gibt es auch über die Vorgängerin von Dr. Sommer: Marie Louise Fischer agierte als Dr. Vollmer und war außerdem Trivialschriftstellerin (Das gefährliche Leben der Monika Berg). Immerhin: Mit ihr begann 1962 die Sexualaufklärung in der Bravo. Tabus fielen. Doch sie habe lediglich unterhalten wollen. „Sag nein, das wie ein Vielleicht klingt“, schrieb sie auf die Frage: „Was sage ich meinem Freund, der mit mir schlafen will?“

Mit Dr. Sommer kamen klare Aussagen

Dann kam 1969 Dr. Sommer, hinter dem Pseudonym steckte Psychotherapeut Dr. Martin Goldstein. Mit ihm kamen klare Aussagen. Beiträge zur gleichgeschlechtlichen Liebe wurden möglich.

Die Ausstellung zeigt Ausschnitte aus den Anfängen von Dr. Sommer. Dazu Tafeln mit Reportagen, Berichten zum Nacktsein, Lovestorys und Geschichten wie der von Sven und Uwe. 1000 Berichte zur Homosexualität hat Erwin In het Panhuis in der Bravo gefunden. Zwei Drittel fallen in den Bereich Sexualaufklärung. Dem Thema widmet sich die Ausstellung in der Essener Unibibliothek. In der Duisburger geht es um Berichte aus den Rubriken Film und Musik.

"Mehr nacktes Fleisch statt schematischer Darstellungen“

Vieles werde heute nicht mehr so heiß diskutiert, sagt der Experte. Und: „Es gibt mehr nacktes Fleisch statt schematischer Darstellungen.“ Die Bravo in ihren Anfängen: für Erwin In het Panhuis ein wildes Experiment: „Eine Zeitschrift für junge Erwachsene, die so viele Facetten hat.“

Woher sollten Einnahmen kommen, wenn nicht aus Pickelcreme-Reklame? Mit einer Auflage von 30.000 ging es los, 1,5 Millionen waren es in den 70ern, sagt der Experte. Da landete sie auch auf dem Index, verkaufe heute wöchentlich bis zu 400.000 Hefte.

Das Thema Medien und Populärkultur findet Erwin In het Panhuis auch fünf Jahre nach Beginn seiner Bravo-Recherchen spannend. Arbeit hat er zwar noch nicht gefunden, dafür ein neues Projekt: „20 Jahre Schwule und Lesben bei den Simpsons.“

Dr. Sommer kommt

Die Ausstellung 50 Jahre Schwule und Lesben in der Bravo ist bis 10. Juni, mo-fr, 8 bis 22 Uhr, sa und so, 10 bis 18 Uhr in den Uni-Bibliotheken Essen und Duisburg. Am Dienstag, 17. Mai, ist Dr. Sommer alias Dr. Martin Goldstein zu Gast.

 
 

EURE FAVORITEN