Der Dorfkern von Gerschede – Idylle mitten in der Großstadt

Frank Stenglein
Typische Gerschede: Der Beckermannshof, gesehen vom Siepental, durch die der Bach Schmalenbecke fließt.
Typische Gerschede: Der Beckermannshof, gesehen vom Siepental, durch die der Bach Schmalenbecke fließt.
Foto: Knut Vahlensieck
Der alte Gerscheder Dorfkern mit seinen Wiesen, alten Höfen und Bachtälern gehört zum Schönsten, was der Nordwesten zu bieten hat. Ein besonderer Ort, der in Essen wenig bekannt ist.

Essen. Gerschede? Nicht wenige Essener aus dem Süden oder Osten hätten vermutlich einige Mühe, diesen Teil der Stadt korrekt zu verorten - wenn sie den Namen überhaupt kennen. Den Gerschedern wird es gar nicht so Unrecht sein, wenn ihr ruhiges und teils ländliches Idyll nicht so bekannt ist. Aber schade ist es doch, findet WAZ-Leser Martin Velling, der von einem besonderen Ort schwärmt, den man so im Essener Nordwesten kaum vermuten würde und den Interessierte sich an einem schönen Tag erwandern sollten.

Und er hat Recht. Im alten Dorfkern von Gerschede hat man ein wenig das Gefühl, die Zeit sei stehengeblieben. Fachwerk-Bauernhöfe, Wiesen, einzelne uralte Obstbäume, Bäche mit Kopfweiden, Bauerngärten, ein alter Löschteich - man ist umringt von ländlichen Motiven, die an Bilder aus den boomenden „Landlust“-Zeitschriften erinnern, und das mitten in der Großstadt.

Die Hirtenkapelle, ein hübsches Kleinod

Ungefähr die Stelle, wo die Straße Düppenberg auf die Gerscheder Straße trifft, bietet sich als Ausgangspunkt für einen Rundgang an. Der könnte so beginnen: Man folgt der Gerscheder Straße bergab und zunächst autofrei, vorbei an Wiesen rechts und gepflegten Wohnsiedlungen links. Bürgersteiglos wie auf einer schmalen Landstraße wandert man dahin, bis ein weiterer Fachwerkhof und an der Einmündung zur Münstermannstraße ein hübsches Kleinod auftaucht: die so genannte Hirtenkapelle, im Jahr 1784 ganz aus Holz gebaut.

Sie gilt als kleinstes Gotteshaus in Essen, ist inzwischen umstellt von Wohnhäusern, und die Köln-Mindener-Eisenbahnstrecke ist ebenfalls nah. Man braucht etwas Phantasie um sich vorzustellen, dass zur Erbauungszeit hier außer den Höfen einfach nur Landschaft existierte.

Gute Sicht ins Emschertal

Ein paar Meter die Gerscheder Straße zurück beginnt rechts hinter einem Fachwerkhof das Grüngebiet Woltersberg, ein ehemaliges Ziegeleigelände, das weitgehend der Natur überlassen wird. An einigen Stellen, die noch nicht verbuscht sind, hat man Fernsicht ins Emschertal. Schöner ist es aber, entlang der Gerscheder Bäche zu wandeln, die über weite Strecken den Charakter einer Parklandschaft haben: die Schmalenbecke, die stellenweise einen kleinen Canyon in die Landschaft gegraben hat, und der hübsche Pausmühlenbach. Mein Rat: Einfach mal treiben lassen, verlaufen kann man sich eigentlich nicht.

Neben der Natur, den alten Höfen, der Kapelle gibt es oberhalb des stolzen Beckermannshofs noch eine weitere kleine, kaum bekannte Sehenswürdigkeit: die Siedlung Nordlandaue/Nordlandring. Locker hingetupft mit hübschen Gärten stehen hier 25 Holzhäuser, die der norwegische Staat der evangelischen Kirche in Essen nach dem Zweiten Weltkrieg zwecks Linderung der Wohnungsnot schenkte. Die meisten sind inzwischen modernisiert und dadurch stark verändert worden, doch an einigen ist der skandinavische Baustil noch gut zu erkennen. Ein einziges Haus steht noch so original da, wie eben aus Norwegen geliefert. Eigentlich gehört es unter Denkmalschutz.

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