„Das Welcome-Center könnte ein Exportschlager werden“

Bevor ein Zuwanderer eine Einbürgerungsurkunde erhält, hat er oft einen langen bürokratischen Marathon hinter sich. Hier zeigt eine Sachbearbeiterin der Essener Ausländerbehörde die Urkunde.
Bevor ein Zuwanderer eine Einbürgerungsurkunde erhält, hat er oft einen langen bürokratischen Marathon hinter sich. Hier zeigt eine Sachbearbeiterin der Essener Ausländerbehörde die Urkunde.
Foto: WAZ FotoPool
Die Planungen für ein Welcome-Center in Essen kommen nicht voran, obwohl es seit einem Jahr einen Ratsbeschluss dazu gibt. Grünen-Ratsherr Burak Copur fordert die Verwaltung auf, endlich zu liefern. Eine service-orientierte Anlaufstelle für qualifizierte Zuwanderer könnte ein Exportschlager werden.

Essen. Die Planung für ein Welcome-Center kommt nicht voran, obwohl es dazu seit einem Jahr einen Ratsbeschluss gibt. Nun fordert der grüne Ratsherr Burak Copur (34) die Verwaltung auf, endlich zu liefern.

Herr Copur, wozu braucht Essen ein Welcome-Center?

Copur: In den kommenden Jahren wird sich der Wettbewerb um die besten Köpfe verschärfen, werden die Städte um hochqualifizierte Zuwanderer werben. Da kann ein Welcome-Center ein enormer Standortvorteil sein, wenn es als Anwerbezentrum für Talente fungiert und alle Neubürger dort die wichtigsten bürokratischen Angelegenheiten erledigen können. Das reicht von ihrer Anmeldung über die Aufenthaltserlaubnis bis hin zur Gewerbeanmeldung. Das wäre ein wertvoller Service.

Klingt gut, wo gibt es sowas?

Copur: In Hamburg existiert seit einigen Jahren ein solches Center, das bundesweit Furore macht. Derzeit pilgern Verwaltungsleute aus der ganzen Republik dorthin. Essen könnte das erste Welcome-Center in Nordrhein-Westfalen eröffnen. Wenn alles gut ginge, hätten wir eine Vorreiterrolle und einen echten Exportschlager.

Warum liegt dann nicht längst ein Konzept vor?

Copur: Ich beobachte mit großer Sorge, dass die Köche in der Kernverwaltung zwar alle eifrig an einem Rezept arbeiten, aber keiner die Zutaten kennt. Keiner der Beteiligten hat ein Welcome-Center von innen oder auch nur von außen gesehen, leider ist auch der zuständige Dezernent (gemeint ist Andreas Bomheuer) bis heute nicht nach Hamburg gefahren.

Es wird also kein großer Wurf?

Copur: Eher eine undurchdachte Zwischenlösung. Ich hoffe, dass kluge Köpfe wie Personaldezernent Christian Kromberg da kräftig gegensteuern. Denn nach allem was man hört, stellt sich die Verwaltung nur eine erweiterte Bürgerberatung vor, bei der mehrsprachige Mitarbeiter Informationen über Wohnen, Arbeit und Kinderbetreuung geben.

Das kann ja durchaus hilfreich sein.

Copur: Klar, gegen die Kümmerer- und Lotsenfunktion ist nichts zu sagen, aber ohne den Servicecharakter,alle Verwaltungsangelegenheiten nach dem Prinzip des „one-stop-governments“ an Ort und Stelle erledigen zu können, wird das Center zu einer Mogelpackung. Den Neubürgern wird dann ein Laufzettel in die Hand gedrückt, auf dem alle Ämter vermerkt sind, die sie auch noch abklappern müssen. Vollends abstrus wird das, wenn die hochqualifizierten Zuwanderer im Welcome-Center willkommen geheißen und dann für die Anmeldung an das „Go-Home-Center“ in der Schederhofstraße verwiesen werden.

Sie meinen die Ausländerbehörde. . .

Copur: …die leider noch immer den Geist eines restriktiven Ausländergesetzes atmet, dem es darum geht, die Leute möglichst schnell wieder loszuwerden. Das reicht von einem unfreundlichen Ton einiger Mitarbeiter über Schikanen bis zu der unseligen Sicherheitsschleuse. Immerhin hat die Diskussion um das Center dort für etwas mehr Kundenfreundlichkeit und Servicementalität gesorgt

Der Leiter des Einwohneramtes sagt, man finde jede Woche Stichwaffen. Er muss doch seine Leute schützen.

Copur: Muss er auch. Nur bekommen die meisten anderen Städte das ohne Sicherheitsschleuse hin. In vielen Ausländerbehörden gibt es einen Notknopf unterm Schreibtisch, mit dem sofort die Polizei alarmiert wird. Die Botschaft unseres Sicherheits-Konzeptes lautet: „Ausländer sind alle kriminell!“

Die Ausländerbehörde wird nicht verschwinden, wenn das Welcome-Center kommt, sie ist gesetzlich vorgeschrieben. Der Analphabet, der auf Asyl hofft, müsste sich weiter hier melden, der Spitzenwissenschaftler würde im Welcome-Center umsorgt. Dann haben wir demnächst Zuwanderer erster und zweiter Klasse.

Richtig ist, dass es im Welcome-Center um die Anwerbung von Hochqualifizierten geht und es die Visitenkarte einer Stadt sein sollte. Aber auch die hier lebenden Migranten brauchen eine Willkommenskultur. Um sich nicht den Vorwurf eines Zwei-Klassensystems einzuhandeln, wäre es sinnvoll, dass beide Einrichtungen unter einem Dach Platz finden.

Wo könnte denn ein solcher Standort sein?

Copur: Als gemeinsamer Standort ist z.B. das Allbau-Haus am Kennedyplatz im Gespräch - vorausgesetzt Allbau baut sich ein neues Zuhause. Eine solche City-Lage wäre natürlich ein Nonplusultra für das Welcome-Center.

Wieso verbeißen Sie sich eigentlich so in das Thema?

Internationale Wirtschaftsstudien belegen, dass sich die besten Köpfe dort niederlassen, wo sie ein tolerantes Klima und eine ausgeprägte Willkommenskultur vorfinden. Und dort, wo sich die besten Köpfe niederlassen, investiert die Wirtschaft. Hier geht es also nicht um mein Hobby, sondern mit Blick auf den Strategieprozess 2030 um die Zukunft der Stadt.

 
 

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