Das weiße Bettlaken lag schon bereit

„Wir wohnten gut einen Kilometer Luftlinie vom Rhein-Herne-Kanal. Dort hatten die amerikanischen Truppen schon seit Anfang April 1945 Stellung bezogen. Von deutschen Soldaten war schon länger nichts mehr zu sehen, die nur noch in der höher gelegenen evangelischen Frintroper Kirche einen Beobachtungsposten unterhielten. Auch die meisten „Partei-Bonzen“ hatten sich schon aus dem Staub gemacht.

Es war eine vergleichsweise ruhige Zeit ohne die gefürchteten Bombenangriffe. Auch mit dem Granatbeschuss von der anderen Kanalseite hielten sich die Amis zurück. Allein Jagdbomber verursachten im Tiefflug gelegentlich noch Angst und Schrecken. Jeden Tag konnte der Einmarsch erfolgen und dafür hatten meine Eltern schon ein weißes Bettlaken bereitgelegt.

Aus dem Haus traute man sich aber kaum. Die täglichen Sorgen wurden von der Erwartung abgelöst, dass der Krieg für uns nun bald ein Ende hat. Darauf hofften auch die belgischen Zwangsarbeiter in der unmittelbar benachbarten Schule (heute Walter-Pleitgen-Schule), die keineswegs Rachegelüste hegten, sondern froh waren, wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können.

Am 11. April war es dann soweit. Panzer und andere Fahrzeuge rollten den Frintroper Berg hinauf. Es dauerte einige Tage, ehe wir Kinder den Mut aufbrachten, dorthin zu gehen, wo die Amerikaner Stellung bezogen hatten. Das war in unmittelbarer Nähe zur Wohnung eines Schulkameraden, den wir besuchen wollten. Ein farbiger GI baute sich fragend vor uns auf und jemand brachte mit dem Satz „I will to my friend in the t w o house“ seine in der Schule erworbenen dürftigen Englisch-Kenntnisse auf den Punkt. Der Ami hatte es jedenfalls verstanden, wir durften – und dieser Satz ist mir auch nach siebzig Jahren noch nicht aus dem Kopf gegangen.

Genau einen Monat später, an meinem dreizehnten Geburtstag, war der Krieg endlich zu Ende. Zwar ohne Angst vor Bombenangriffen, aber dennoch vom ständigen Bemühen, auf andere Art zu überleben, waren die nächsten Jahre geprägt. Als Tag der Befreiung bleibt der 11. April aber immer in meiner Erinnerung.“
Winfried Stöckmann

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