Das Südostviertel - der ungefähre Stadtteil

Leben gerne im Südostviertel: Karla Brennecke-Roos und Karin Grott.  Foto: Walter Buchholz
Leben gerne im Südostviertel: Karla Brennecke-Roos und Karin Grott. Foto: Walter Buchholz
Foto: WAZ FotoPool

Essen.. Das Südostviertel leidet unter einem bürokratischen Namen, der wenig Identität stiftet. Wer sich einlässt, findet überraschende Vielfalt. Markanter Punkt ist der Wasserturm - den Stadtteil danach bennennen wollte die Bezirksvertretung aber nicht.

Wenn man die A 40 in Huttrop abfährt, dann ist man gar nicht in Huttrop. Sondern im Südostviertel. Das ärgert die Leute im Südostviertel. Man beantragte korrekte Autobahn-Ausfahrtsschilder im vergangenen Jahr. Doch die Landesbehörde „Straßen NRW“ lehnte ab: „Südost“ sei bloß eine Windrichtung.

Willkommen im Südostviertel, dem Nicht-Stadtteil. Von dem die meisten nur so ungefähr wissen, wo der überhaupt liegt. Der rote Wasserturm an der Steeler Straße zählt zu den markantesten Orientierungspunkten. Deshalb drängt die örtliche CDU vehement darauf, den ziemlich blutleeren, irgendwann in der Stadtverwaltung erdachten Namen abzulegen und den Stadtteil in „Essen Wasserturm“ umzubenennen. Tatsächlich sagen zumindest die älteren Leute im Viertel durchaus, man wohne „am Wasserturm“. Schon im zunächst zuständigen Stadtteil-Parlament, der Bezirksvertretung, gab es dafür aber keine Mehrheit.

Karla Brennecke-Roos (64) ist zum Beispiel dagegen. „Wir leben schon so lange mit dem Namen Südostviertel“, sagt die SPD-Politikerin. „Wasserturm, das wäre ja nur ein Teil des Stadtteils.“ Wir stehen im Schatten des Wasserturms, dahinter liegt eine Grünfläche. Der „Ostpark“. „Park“ ist ein bisschen übertrieben. Aber überraschend ruhig ist es hier schon, trotz der Nähe der A 40. „Einen Biergarten“ wünscht sich Karla Brennecke-Roos hier, „und im Winter vielleicht einen Weihnachtsmarkt“.

Probleme hat das Südostviertel noch immer

Die Ratspolitikerin kam 1965 von Bremen nach Essen, „der Liebe wegen“, sagt sie. Sie wollte eigentlich nur ein Jahr bleiben, „doch dann bin ich hier hängengeblieben“. Seit vielen Jahren wohnt sie in der Vollmerstraße, gehörte 1995 zu den Gründern der „Bürgerinitiative Südostviertel“. Sie schätzt das Quartier, „weil es lebendig ist und weil es viele, schöne Altbauten gibt“. Stimmt: Die Wörthstraße, die Blumenthalstraße – dicht durchsetzt mit Gründerzeitfassaden. Das ist urbanes Pflaster hier, großstädtisch irgendwie, aber ohne das Gelackte aus Rüttenscheid. Und das Programmkino „Eulenspiegel“ auf der Steeler Straße ist ein Angebot für Intellektuelle.

Die Bürgerinitiative wurde 1995 nötig, weil Probleme mit Libanesen übergroß wurden. In einem Wohnblock an der von-der-Tann-Straße nördlich der A40 wohnten 120 Libanesen, „80 davon Kinder“, erinnert sich Karla Brennecke-Roos. Es gab Probleme mit Lärm und Müll. Die Initiative schritt ein, sammelte Geld für einen vernünftigen Kinderspielplatz, führte regelmäßige Treffen ein, „da hat sich sehr viel entwickelt“. Der Wohnblock strahlt heute in frischem Grün, er wurde saniert, die Wohnungen zu Eigentum umgewandelt. Libanesische Familien wohnen heute nicht mehr konzentriert an einem Platz, sondern in vielen Stadtteilen.

Probleme hat das Südostviertel heute nach wie vor. Aber andere. „Die Steeler Straße war mal eine attraktive Einkaufsstraße“, sagt Karin Grott, die stellv. SPD-Ortsvereinsvorsitzende. Aber jetzt: Zu viele leere Läden, zu viele Billig-Anbieter. Zuletzt machte das Haushaltswarengeschäft „Junius“ Schluss, nach 112 Jahren. Und gegenüber zog die Öko-Bäckerei „Backbord“ aus. „Dabei“, sagt Karin Grott, „haben hier immer viele Kaufleute gewohnt im Viertel.“

Problemquartier, unbekannte Schönheit und feine Adresse

Zu den unwirtlichsten Orten des Südostviertels zählt, leider muss man es so sagen, der Storpplatz. „Hier ist donnerstags immer Markt, aber der wird nicht angenommen“, sagt Karla Brennecke-Roos. Einfach nur schönes Naturpflaster zu verlegen, was irgendwann mal geschehen ist, das hilft nicht. Zu schnell und zu laut donnern die Autos über die Oberschlesienstraße, der Lärm hallt von den Häuserwänden zurück. Die Sonne brennt, Bäume, Bänke? Gibt es nicht. Stattdessen rasen Laster in Richtung Frillendorf. Und das, obwohl hier, am Storpplatz, das „Storp 9“ liegt, ein bedeutender Stadtteil-Treffpunkt. Für Jugendliche, für Alte, für Ausländer, für Deutsche, für alle eigentlich. Dies hier ist: Südostviertel, das Problemquartier.

Wenige Schritte entfernt, nur einmal über die Steeler Straße, liegt die Saarbrücker Straße. Gepflegte Fassaden, viel Grün, Ruhe; Kinder, die Fahrrad fahren. Dies ist: Südostviertel, die unbekannte Schönheit. Und dann gibt es natürlich noch den Moltkeplatz, das Moltkeviertel, Teile von Schinkel- und Semper- straße gehören zum Stadtteil. Dies ist: Südostviertel, die feine Adresse. Auch wenn das kaum jemand weiß. Autobahnschilder mit „Südostviertel“ gibt’s nicht. dafür soll ein falsches Ortseingangsschild an der Heilermannstraße ausgetauscht werden. Darauf steht „Huttrop“ statt „Südostviertel“. Immerhin.

 
 

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