Das stille Ende der Kokerei Zollverein

Von Martin Spletter
Vor 20 Jahren wurde die Kokerei Zollverein in Essen stillgelegt. Für die Betroffenen kam das Aus überraschend. Heute sind einige Altkoker mit Schulklassen und Touristengruppen auf ihrem früheren Arbeitsplatz unterwegs.

Essen. „Plötzlich und unerwartet“, das sind wohl die richtigen Worte, wenn man über das Ende der Kokerei Zollverein spricht. Am Sonntag, 30. Juni, jährt sich der Tag der Stilllegung zum 20. Mal. „Wir haben das damals durch Zufall erfahren“, erinnert sich Peter Iwinski (71). Er hat sein halbes Leben als Steiger auf der Kokerei verbracht – war dabei, als es losging, das war im Jahr 1961, da nahm die Kokerei ihren Betrieb auf.

Und Iwinski gehörte zu den letzten, die das Licht ausmachten auf der Kokerei, wickelte den Betrieb nach der Stilllegung noch zweieinhalb Jahre mit ab, bis tatsächlich dann alles aus- und aufgeräumt war. Ende 1995, zweieinhalb Jahre nach der Stilllegung war auch für Iwinski Schluss. „Am Ende“, sagt er, „waren wir noch fünf Leute.“ Zu Betriebszeiten waren es mal mehr als 1000 gewesen.

Zum Abschied gab’s eine Münze

Anfang Januar des Jahres 1993 war eine Gruppe von Gewerkschaftern zu Gast, die hatten schon was gehört von der Schließung, „und die haben sich dann verplappert.“ Im Februar wurde das Ende offiziell verkündet. Am 30. Juni war dann Schluss. „Der Tag der Schließung wurde in aller Stille begangen“, schreiben Dietmar Osses und Joachim Strunk in ihrem Buch „Kohle Koks Kultur. Die Kokereien der Zeche Zollverein“ (2002). Eine Zeremonie habe es nicht gegeben, der Betriebsrat gab eine Gedenkmünze aus an jeden und eine Videokassette, auf der die Betriebsabläufe dokumentiert waren. Viele Arbeiter hätten aus Enttäuschung über das Ende jedoch auf die Erinnerungsstücke verzichtet. „Das Ende kam so überraschend, denn zuletzt war ja noch groß investiert worden“, erinnert sich Peter Iwinski.

Noch zu Beginn der 1990er-Jahre hatte man Umweltschutzeinrichtungen und Automatisierungstechniken erneuert. Doch die Stahlkrise kam schnell und heftig, die Ruhrkohle AG musste ihre Kapazitäten deutlich drosseln: „Die Halden waren damals voll mit Koks“, erinnert sich Peter Iwinski. 2,2 Millionen Tonnen jährlich wurden auf Zollverein produziert.

Nach der Stilllegung kamen dann die Chinesen. Die Anlage sollte abmontiert und in China neu errichtet werden. „Aber denen war die Kokerei dann wohl doch zu groß.“ Tatsächlich nahmen die Chinesen später die Kokerei Kaiserstuhl aus Dortmund mit.

Mit gesamten Zechen-Areal zum Weltkulturerbe erklärt

In Essen, heißt es, sei der Verkauf in letzter Minute geplatzt, weil es den Asiaten damals an Devisen gemangelt habe. Nur deshalb können Bürger heute jeden Winter Schlittschuh laufen entlang der Koksöfen. Nur deshalb blieb die Kokerei als Denkmal komplett erhalten und konnte im Jahr 2001 mit dem gesamten Zechen-Areal zum Weltkulturerbe erklärt werden.

Nicht nur auf Schacht 12 mit seinem berühmten Fördergerüst gibt es Führungen und Touren, sondern auch auf und durch die Kokerei. Da erklären Alt-Koker wie Peter Iwinski, was wo wie passierte – und warum. Es gibt auch spezielle Familienführungen, immer sonntags um 14 Uhr. Für Eltern mit Kindern ab fünf Jahren. Info und Anmeldung unter 02 01/ 24 68 10.