Das Museum Folkwang und Chef Bezzola – ein Missverständnis

Christina Wandt
Foto: WAZ
Im Museum gestaltet sich die Öffentlichkeitsarbeit unter dem neuen Chef Tobia Bezzola problematisch. Was die abgesagte Balthus-Schau angeht, gibt es jedenfalls kaum Entlastendes zu sagen. Bezzola und Essen – das klingt nicht nach Liebe, sondern nach einem Missverständnis - ein Kommentar.

Essen. Ein gutes Jahr ist Tobia Bezzola im Amt und nicht erst seit dieser Woche beschleicht mich das Gefühl, dass der Chef des Folkwang Museums keine Idealbesetzung ist.

Was die abgesagte Balthus-Schau angeht, gibt es jedenfalls kaum Entlastendes zu sagen: Entweder hat der Folkwang-Chef bewusst mit dem erwartbaren Skandal gespielt und erst im letzten Moment die Notbremse gezogen. Oder er hat in kaum denkbarer Naivität den Rang des verstorbenen Künstlers überschätzt – und dessen Ruf als pädophiler Provokateur unterschätzt.

Selbst Besucherzahlen sind Verschlusssache

Bezzola hätte noch die Absage nutzen können, um seine Sichtweise offensiv zu vertreten, doch er glaubte, den Fall von der Öffentlichkeit unbemerkt abhaken zu können. Die Diskussion, die er verhindern wollte, hat er so erst richtig entfacht. Über das Museum Folkwang wird dieser Tage in allen Feuilletons republikweit geschrieben – unter der Überschrift „Pädophilie-Debatte“.

Man hätte sich andere Schlagzeilen für das Haus gewünscht, doch schon zuvor gestaltete sich die Öffentlichkeitsarbeit unter Bezzola problematisch. Selbst Besucherzahlen werden als Verschlusssache behandelt; dabei haben wir es hier mit einem zum Teil städtischen Museum zu tun.

Falsche Vorstellungen vom Potenzial

Als die Personalie Bezzola im Sommer 2012 bekannt gegeben wurde, frohlockte man bei der Stadt über die hochkarätige Neubesetzung und Bezzola freute sich, „das reiche Zukunftspotenzial dieses bedeutenden Hauses weiter entwickeln zu dürfen“. Man muss zu seinen Gunsten annehmen, dass er damals falsche Vorstellungen von Potenzial und Reichtum des Museums hatte.

Erst kurz vor seinem Amtsantritt im Januar vergangenen Jahres soll man ihm gesagt haben, dass noch keine der für 2013 geplanten Ausstellungen finanziert war. Da wollte der Schweizer wohl schon den Rückzug antreten und konnte nur durch viel Überredungskunst bewegt werden, seinen Job überhaupt zu beginnen.

Wenig Amibition seitens Bezzola

Fürwahr keine gute Basis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Ein so großzügig angelegtes Haus mit so knappen Mitteln und neuerdings sparsamen Sponsoren bespielen zu wollen, ist eine Herausforderung. Es fragt sich bloß, ob Bezzola diese je annehmen wollte. Schon im Februar 2013 zeigte er im Gespräch mit der „Welt“ wenig Ambition, sprach vage von neuem Profil und professionellen Strukturen für Folkwang. „Die Haltung des 51-Jährigen sendet nicht gerade kämpferische Aufbruchsignale aus“, wird da notiert.

Im Laufe des Jahres wichen die fehlenden kämpferischen Signale einer handfesten Kapitulation: Das Museum sei faktisch stillgelegt, erklärte Bezzola im November 2013. Mehr noch: Er bereue den Wechsel nach Essen bereits.

Der frühere Intendant des Bochumer Schauspielhauses, Matthias Hartmann, erzählte gern, wie er vor Dienstantritt durch die Stadt fuhr und seine damalige Frau anfing, „zu weinen, weil es so hässlich war“. Bochum und Hartmann – das wurde trotzdem eine Liebesgeschichte, auch weil der Theatermann viel Leidenschaft mitbrachte. Seiner Karriere schadete das Gastspiel im Revier nicht, Hartmann leitet heute das Wiener Burgtheater. Bezzola und Essen – das klingt nicht nach Liebe, sondern nach einem Missverständnis.