Das Müsli vor dem Altar

Wer Pfarrer Steffen Hunder kennt, der weiß, dass seine Gottesdienste gelegentlich einem ganz eigenen Drehbuch folgen können. Es kam schon vor, da lud der 57-Jährige zur Messe in eine Backstube ein. Vor ein paar Wochen zog Hunder mit ein paar Kindern aus der Gemeinde ins Kino, um sich dort zuerst die Geschichte von Noah anzusehen und im Anschluss über das Alte Testament zu sprechen. „Aha-Erlebnisse“ nennt der Pfarrer das. Genau so ein Erlebnis dürften am vergangenen Sonntag auch einige Gemeindemitglieder erlebt haben, als Hunder gleich zwei Geschäftsleute zum Erntedankgespräch in die evangelische Marktkirche bat.

„Ich befand mich im Zwiespalt“, berichtet Oliver Joosten, Geschäftsführer des rein pflanzlichen Supermarktes Veganz. „Ich war auf dem Sommerfest des Tierheims und habe mich beim Blick auf den Grill gefragt: Wie kann man einerseits Tiere lieben und gleichzeitig Tiere essen?“ Ein paar Minuten später kommt Thomas Lang, Geschäftsführer der Bäckerei Troll zu Wort. Auch er soll Auskunft darüber geben, warum er für seine Backwaren einen anderen, nämlich einen biologischen Ansatz gewählt hat. Wir machen das jetzt seit fast 30 Jahren. Ausschlaggebend war dabei der ökologische Gedanke“, betont Lang. „Also der Schutz unserer Umwelt.“

Vor dem Altar liegen zahlreiche Brote, ein paar Getreidebündel, Kürbisse und gleich daneben auch Müsli, Yoghurt, Vanille-Kipferl und Sojamilch. Schon seit mehr als 800 Jahren wird in der Marktkirche Erntedank gefeiert, aber in diesem Jahr sind alle Gaben das erste Mal rein vegan, dazu noch glutenfrei und allergikerfreundlich. Pfarrer Hunder tritt vor den Altar und spricht zur Gemeinde: „Im Gottesdienst wollen wir zum Ausdruck bringen, wie wichtig es ist, das christliche Erntedankfest, eine bewusste Ernährung und die Verletzlichkeit der Schöpfung in einen Zusammenhang zu stellen.“

Hunder erzählt von seinem Besuch im neu eröffneten veganen Supermarkt und den kritischen Stimmen, die ihm kurz darauf entgegen schlugen. „Jetzt machst du auch noch Schleichwerbung für die“, sollen einige Gläubige gesagt haben, so der Pfarrer. „Andere meinten, ich würde mich von der Ladenbesitzern vor den Karren spannen lassen. Aber das stimmt nicht. Ich bin auf die beiden Herren zugegangen. Das Thema Ernährung liegt momentan einfach in der Luft.“ Spätestens, als alle Kirchgänger zusammen sitzen, fair gehandelten Kaffee trinken und frisches Biobrot mit pflanzlichem Aufstrich kauen, scheinen alle Zweifel verflogen zu sein. Veganes Essen ist in der christlichen Kirche angekommen.

Oliver Joosten erinnert noch einmal an das Sommerfest im Tierheim und sagt, dass er mit seinem Geschäft Alternativen aufzeigen wolle und zwar ohne missionieren. „Heute ist es nicht mehr notwendig, Tiere zu essen. Das mag früher so gewesen sein, aber Dank unserer Intelligenz können wir inzwischen Bratwürste machen, die ohne Fleisch auskommen.“ Dann stellt sich Joosten neben die Mitglieder des Gospelchors und zieht eine Verbindung zur Religion indem er sagt: „Die Stärkeren müssen den Schwachen helfen.“ Wie die Geschichte mit dem Tierheim ausgegangen sei, wollen einige Gemeindemitglieder daraufhin von ihm wissen. „Wir haben vegane Burger, vegane Gulaschsuppe und Kuchen vorbeigebracht. Wenn man einmal vernünftig darüber redet, stimmen uns die meisten erfahrungsgemäß zu.“

Im veganen Supermarkt gibt es fast 5000 verschiedene Produkte zu kaufen. Selbst Chicken Wings und Wiener Schnitzel gehören zum Sortiment – allerdings aus Weizen und Soja. An einer Wand hängen große Plastikröhren, aus denen man sich Körner, Nüsse und Müsli abfüllen kann. „Das Feedback ist durchweg positiv. Teilweise kommen die Kunden sogar aus Holland rüber gefahren“, sagt Joosten über die ersten Wochen in der neuen Filiale. „Die Kunden lassen sich gerne herumführen, fragen aber auch sehr kritisch nach, wo die Sachen produziert sind und wie sie transportiert wurden. Im Discounter passiert so etwas normalerweise nicht“, scherzt der Geschäftsführer, der genau wie die allermeisten Mitarbeiter vegan lebt.

Ohne moralischen Zeigefinger

Pfarrer Steffen Hunder schreitet währenddessen von Tisch zu Tisch und erkundigt sich, wie es der Gemeinde schmeckt. „Das gehört wie ein Baukasten zusammen“, sagt er mit Verweis auf den Eine-Welt-Stand, an dem es normalerweise den etwas teureren Kaffee und fair gehandelte Schokolade zu kaufen gibt. „Genau da treffen wir uns – das christliche Erntedankfest, eine bewusste Ernährung und Verletzlichkeit der Schöpfung“, so der Pfarrer. „Das Ziel muss es sein, dass man von seiner Hände arbeit leben kann. Um das zu erreichen, müssen wir Menschen einladen, Angebote aufzeigen und zwar ohne den moralischen Zeigefinger.“

 
 

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