Das Kreuz mit dem Kreuz

Wolfgang Kintscher
Ungültig! Jeder Zusatz auf dem Wahlzettel zählt nicht mit.
Ungültig! Jeder Zusatz auf dem Wahlzettel zählt nicht mit.
Foto: WK
Nach dem Wahl-Krimi ist womöglich vor dem Wahl-Krimi: Die Stadt Essen wirbt um Verständnis für den mitunter heiklen Job der Wahlhelfer – und will intensiver schulen. Denn bei der Bundestagswahl zeigte sich: Wirklich jede Stimme zählt – auch wenn am Ende nicht nur 3, sondern 93 Stimmen Vorsprung über das Direktmandat entschieden.

So ein gut platzierter „Smiley“, das kleine kreisrunde Grinsegesicht, kann die Stimmung vielerorts heben. Wenn er aber bei Wahlen auf dem Stimmzettel auftaucht, müssen sich die Helfer von ihrer ganz und gar humorlosen Seite zeigen: Stimme ungültig, so will es das Gesetz.

Es ist eben manchmal ein Kreuz mit dem Kreuz, das einem da bei Wahlen abverlangt wird. Das hat der jüngste Urnengang mit einem Ergebnis gezeigt, das noch mal die alte Binsenweisheit bestätigt: Wirklich jede Stimme zählt – auch wenn am Ende nicht nur 3, sondern 93 Stimmen Vorsprung über das Direktmandat entschieden.

In einem Wahlkreis mit über 149.000 gültigen Voten ist das auch für einen Abstimmungs-Experten wie Rüdiger Lohse ein ziemlicher Hammer. Einer, der Fragen auslöst wie diese: Wenn eine Nachzählung wie jetzt im Mitte-Süd-Wahlkreis ein in der Tat anderes Ergebnis zutage fördert – drohen dann bei künftigen Urnengängen wie der Kommunalwahl umso schneller Rufe nach einer erneuten Auszählung, zumal es dort bei 41 Kommunalwahlbezirken um zahlenmäßig deutlich kleinere Unterschiede geht?

„Die Gefahr besteht natürlich“ , schwant es Lohse, wohl wissend, dass Parteien oder auch misstrauische Bürger im Normalfall allenfalls auf dem Rechtsweg die Chance haben, eine Neuauszählung durchzusetzen. Im Falle der Bundestagswahl war es der Oberbürgermeister, der entschied, neu auszuzählen, weil die gemeldeten Ergebnisse mit den kontrollierten Niederschriften aus den Wahllokalen nicht in Einklang zu bringen waren.

Ansonsten darf nur der örtliche Wahlausschuss Zählkontrollen einstielen. Und dann kann in aller Ruhe an einem Wochenende nach der Wahl schon mal was anderes herauskommen als in der Hektik einer Wahlnacht. Für Lohse Lehre genug, bei den künftigen Schulungen für die Wahlhelfer darauf zu drängen, dass diese sich die Ruhe bewahren: „Macht euch nicht verrückt, verfallt nicht in Hektik“, müsse die Devise heißen. Denn dann wird geschludert.

Aber solche Appelle „sind leicht gesagt“, und einmischen darf sich das Wahlamt nicht, allenfalls beraten; die Wahlvorstände im jeweiligen Stimmlokal sind autonom, „und das ist auch gut so“, sagt Lohse: „Wie schnell stünde bei weisungsgebundenen Leuten der Spruch im Raum, die zählen sich das schön.“

Nein, das Volk wählt, und das Volk zählt auch. Und immerhin, die allermeisten Wahlhelfer haben ihre Sache doch sehr gut gemacht, sagt der Wahlexperte mit Blick auf 0,1 Prozent Abweichung, die da ans Tageslicht kamen. Man versteht: Würden die Stimmen andernorts im Revier oder irgendwo im Lande neu ausgezählt – auch dort würde es mutmaßlich vergleichbare Abweichungen geben – Rechenfehler, Zahlendreher, aber eben auch Zweifelsfälle darüber, welche Stimmen noch als gültig und welche als ungültig zu werten sind: „Es gibt Stimmzettel, da setzen Sie drei Wahlvorstände dran – und jeder hat ne andere Meinung.“