Das Gleichgewicht des Erschreckens in Essen

Erster Unterzeichner für den Appell zur Friedfertigkeit, der „Zeichen setzen“ soll: Oberbürgermeister Reinhard Paß. Die Stadt will auch einen „Essener Tag der Jüdisch-Islamischen Begegnung“ unterstützen.
Erster Unterzeichner für den Appell zur Friedfertigkeit, der „Zeichen setzen“ soll: Oberbürgermeister Reinhard Paß. Die Stadt will auch einen „Essener Tag der Jüdisch-Islamischen Begegnung“ unterstützen.
Foto: WAZ FotoPool
Worte der Friedfertigkeit gegen antisemitische und islamfeindliche Provokateure: Stadtspitze und Vertreter der Religionen unterzeichneten gestern eine Erklärung, um jüngsten Ausfällen etwas entgegenzusetzen.

Essen.. Er meint natürlich die Lautsprecher-Anlage, klar. Ansonsten aber müsste man auf Willi Overbecks testweise über den Burgplatz schallende Frage „Ist der Ton in Ordnung?“ antworten: Nein, das ist er ganz und gar nicht mehr.

Denn lange Zeit Unerhörtes scheint sich in die Alltags-Debatten auch dieser Stadt einzuschleichen. Nicht nur die antisemitischen Ausfälle der jüngsten Nahost-Demos sind damit gemeint, auch islamfeindliche Provokationen, die zuletzt selbst übers Ratsmikrophon Verbreitung gefunden haben.

Menschliche Würde achten

Scharfmacher scheinen die Straße zu erobern und haben Essen damit zuletzt bundesweit unangenehme Schlagzeilen beschert. Es hat ein paar Tage gedauert, bis sich das allgemeine Erschrecken darüber, dass man selbst die Alte Synagoge als Haus der jüdischen Kultur wieder mit der Maschinenpistole im Anschlag schützen muss, gelegt hat. Und die Erkenntnis reifte, dass man dem irgendetwas entgegensetzen muss.

Weil es eben nicht sein darf, wie der katholische Stadtdechant Jürgen Cleve gestern vor der Marktkirche formulierte, dass „wir uns mit dem Prinzip von Rache und Vergeltung die Hölle auf Erden schaffen“. Dass in eine Stadt, in der Menschen aus 158 Nationen leben, wie Muhammet Balaban erinnerte, Hass und Gewalt aus den Konfliktherden andernorts importiert werden: „Wer die Grenzen des Respekts und der Achtung vor der menschlichen Würde missachtet, stellt sich außerhalb unserer Gesellschaft“, so sagte es gestern Oberbürgermeister Reinhard Paß, dessen Unterschrift als erste unter einer gemeinsamen Erklärung landete. Ausgearbeitet vom „Initiativkreis Religionen in Essen“.

"Tag der Jüdisch-Islamischen Begegnung" geplant

Eine Erklärung, die den Spagat hinbekam, von allen Seiten beklatscht zu werden: von der katholischen und evangelischen Kirche, der jüdischen Kultusgemeindedemo* und diversen Moscheegemeinden. Und bei der es im Vorfeld eine Selbstverständlichkeit war, eine Schweigeminute abzuhalten und all jener Menschen zu gedenken, „die in den letzten Tagen des Krieges gestorben sind und die heute sterben – ohne Unterschied“, wie Initiativkreis-Sprecher Overbeck betonte.

Zeigen, „dass es auch anders geht“, als sich gegenseitig zu beschimpfen, dass man Frieden halten kann, egal, ob man ihn „Shalom“ oder „Salam“ nennt, dies soll auch ein „Essener Tag der Jüdisch-Islamischen Begegnung“ zeigen, der gemeinsam mit der Stadt in Planung ist.

Ein Dutzend Strafverfahren

Ob sich mit einer solchen Veranstaltung auch jene Scharfmacher erreichen lassen, die mit ihren unsäglichen Provokationen den Unfrieden erst säen, steht auf einem anderen Blatt. Denn bei aller Selbstzufriedenheit: Unter den knapp 100 Zuhörern, die vor der Marktkirche in der Innenstadt den Appellen an Friedfertigkeit und Versöhnung lauschten, waren gut die Hälfte Berufsbürger: Politiker, Journalisten, Mitarbeiter der Stadtverwaltung, der Kirchen. Oder, wie ein aufgebrachter Passant sich Luft machte: „Welchen Dialog führen Sie hier eigentlich? Die, von denen sie sprechen, erreichen sie damit doch gar nicht!“

Die erreicht schon eher die Polizei, die gestern signalisierte, vermutlich noch wochenlang die antisemitischen Ausfälle der jüngsten Demo auswerten zu müssen. Immerhin, wie die NRZ erfuhr, sind nach Auswertung des Foto- und Videomaterials bereits ein knappes Dutzend Strafverfahren ins Rollen gekommen. Wie viele noch folgen, lässt sich laut Polizei kaum abschätzen.

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