Das Fenstermärchen von St. Josef

Frintrop..  Von außen wirkt die 1877 erbaute Frintroper St.-Josef-Kirche wie eines dieser typischen Gotteshäuser, die Ende des 19. Jahrhunderts vielerorts im Ruhrgebiet errichtet wurden: Ein rotbrauner unspektakulärer Ziegelbau, der meist durch Spenden von reichen Bauern, Bergwerksdirektoren oder einer großen Spendensammlung durch eigens dafür geschaffene Kirchenbauvereine ermöglicht wurde.

Doch wer durch die großen Pforten in den Kirchsaal schreitet, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus: Fünfzehn modern gestaltete Fenster rund um den Altar und im Querschiff ziehen wie magnetisch die Blicke auf sich.

Besonders wenn sich das Licht in den bunten Gläsern bricht, wirkt der gesamte Altarraum wie verzaubert. Die Kunstwerke wurden zwischen 1987 und 1990 von dem Berliner Paul Corazolla geschaffen und stellen den Auferstehungszyklus dar.

Die Geschichte dieser Fenster begann wie im Märchen: Es war einmal ein Frintroper Handwerksgeselle, der nach dem Ersten Weltkrieg sein Glück in der Neuen Welt suchte. Er hieß Bernhard Korbik, und wie viele Einwanderer startete er eine dieser klassischen Karrieren: Er begann als Tellerwäscher und arbeitete sich zum Hoteldirektor hoch. Auch wenn er in Amerika sein Glück fand – die alte Heimat vergaß er nie. Und so erhielt seine Gemeinde ein Jahr nach seinem Tod – er starb kinderlos im August 1984 – ein Schreiben. Dort wurde ihr mitgeteilt, dass der gebürtige Frintroper der St.-Josef-Kirche, in der er 1896 getauft worden war, die Hälfte seines Vermögens vermachte: 232.755 US-Dollar, „für ein geeignetes Denkmal an die Familie Korbik“.

Die Gemeinde musste nicht lange überlegen: Nach Beratungen mit Fachleuten aus dem Bistum entschloss man sich für neue Fenster. „Die alten Fenster waren dunkel und nichtssagend, und der Altarraum dämmerte in einem trüben Licht“, erinnert sich Herbert Fendrich. Als bischöflicher Beauftragter für Kirche und Kunst gehörte der Frintroper von Anfang an zu den Sachverständigen, die den Werdegang der neuen Fenster miterlebten – von der Wettbewerbsausschreibung bis zur Fertigstellung. „Grundthema aller Fenster ist die Verkündung der Auferstehung Christi“, sagt er und schreitet alle Fenster ab. Sie zeigen Maria Magdalena, das Brotwunder, die Vision des Ezechiel, die Verklärung, den sinkenden Petrus, den Auszug aus Ägypten, Abraham und Isaak, Noah, die Emmausjünger – schnell merkt man, dass Herbert Fendrich mit den gläsernen Kunstwerken und ihrer Botschaft tief verbunden ist. Nicht nur als ausgewiesener Experte, sondern vor allem als Gemeindemitglied und praktizierender Christ. Am Fenster mit dem Thema Anastasis („Jesus besiegt den Todesherrscher und zieht die Menschen aus seinem dunklen Reich ins Leben zurück“) macht er auf eine Besonderheit aufmerksam: Eines der abgebildeten Antlitze stellt Bernhard Korbik dar – und erfüllt somit die an das Testament gekoppelte Bedingung des Spenders.

Und noch eine andere Besonderheit zeigt er: Das mittlere Fenster hinter dem Altar ist im Gegensatz zu allen anderen ungegenständlich. „Es verkörpert die Auferstehung Christi, und die ist und bleibt ein Geheimnis.“

 
 

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