Das falsche Aldi-Stammhaus in Essen-Schonnebeck

Von Janet Lindgens
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Die Huestraße in Schonnebeck. Heute vor 100 Jahren hat dort der Bäcker Karl Albrecht seinen ersten Laden eröffnet und legte damit den Grundstein für Aldi - das spätere Handelsimperium seiner Söhne Karl und Theodor.

Essen. Die Huestraße in Schonnebeck. Heute vor 100 Jahren hat dort der Bäcker Karl Albrecht seinen ersten Laden eröffnet und legte damit den Grundstein für Aldi - das spätere Handelsimperium seiner Söhne Karl und Theodor. Gestern schon bauten Fernseh-Reporter wieder ihre Kameras vor der Aldi-Filiale in der Huestraße 89 auf. Aufmerksamkeit erregten sie damit jedoch kaum. Die Schonnebecker sind dies gewohnt. Schließlich gilt das schlichte lachsfarbene Haus als erster Aldi-Laden überhaupt.

Hinweis in Gewerbeanmeldungen

Doch eigentlich begann die Erfolgsgeschichte des Familienunternehmens am 10. April 1913 im Haus direkt nebenan, in der Huestraße 87. Damals hieß die Straße noch Mittelstraße und das vom Bergbau geprägte Schonnebeck gehörte noch nicht zur Stadt Essen. Der 27 Jahre alte Karl Albrecht eröffnete in eben jenem Haus einen Handel mit Backwaren. Sein Geschäft zeigte er offiziell am 21. April 1913 bei der zuständigen Bürgermeisterei in Stoppenberg an. Erst 1919 kaufte er laut Stadtarchiv das Haus Nummer 89 und eröffnete dort einen Kolonialwaren- und Backwarenhandel.

Zweifel bestanden im Grunde schon immer, dass der Aldi-Laden in der Huestraße 89 wirklich Albrechts erstes Geschäft war. Doch bei Stadtarchivarin Cordula Holtermann hatte dazu bis vor kurzem noch niemand nachgefragt. Dabei musste sie nur in den Gewerbeanmeldungen der Bürgermeisterei Stoppenberg nachblättern. Der Band 1905 bis 1921 listet säuberlich alle Unternehmensanzeigen dieser Jahre auf. „Im Grunde reine Bürokratie“, sagt Cordula Holtermann.

Auch in Schonnebeck weiß man von diesen Aldi-Wurzeln bislang offenbar nichts. Cavit Ates betreibt seit elf Jahren seinen Computerladen in der Huestraße 87, einem weißen Haus, zum Teil mit braunen Schindeln verkleidet. An der Gaupe steht das Jahr 1910. „Der erste Aldi hier? Nein, das ist nebenan!“, sagt der Ladeninhaber ungläubig. Er sehe immer nur Kameraleute auf der anderen Straßenseite, wenn sie das Aldi-Geschäft filmten. Und jedes Mal hoffe er, dass man sein Firmenschild mit im Bild habe. Dass er aber selbst dort steht, wo einst Karl Albrecht seine ersten Kunden bediente, das kann er nicht recht glauben.

Auch der Besitzer des Hauses, Herbert Olbrisch, weiß davon nichts. Der heute 84-Jährige hat das Haus vor etwa 35 Jahren aus einer Versteigerung gekauft. Es soll einem Herrn Siepmann, der eine Gärtnerei besaß, gehört haben.

Die Stadtarchivarin bestätigt: Das Haus gehörte schon 1913 Theodor Siepmann – dem Vater von Anna Siepmann. Sie war die spätere Frau von Karl Albrecht, der dort auch wohnte. Karl und Anna heirateten am 16. Juni 1913, wenige Monate nach Karls Geschäftseröffnung. Die Söhne Karl und Theodor wurden 1920 und 1922 geboren.

Aldi hatte vor wenigen Tagen einen Pressetext herausgegeben. Darin steht, dass Anna Albrecht 1914 einen Lebensmittelladen eröffnete. Wo, ist unklar. In den Gewerbeanmeldungen in Schonnebeck finden sich dazu keine Angaben, so Holtermann. Führte sie den Laden weiter, während ihr Mann im Krieg war? Aus den Dokumenten geht ebenfalls nicht hervor, dass Anna Albrecht bereits 1914 einen Lebensmittelladen im Haus 89 eingerichtet haben soll. Laut Gewerberegister übernahmen die Albrechts das Geschäft erst im Mai 1919 und boten dort Kolonial- und Backwaren an. Albrecht hatte parallel auch das Grundstück von der Witwe des Vorbesitzers Friedrich Judt erworben. Judt war im April 1918 in Frankreich mit 39 Jahren gefallen.

Von der Huestraße 89 aus startete schließlich die Expansion des Familienbetriebes. 1943 starb Albrecht sen. Die Söhne übernahmen 1945 das Unternehmen. Der Rest ist die große Aldi-Geschichte.