Das Essener Putz-Projekt „Pick up“ wird verlängert

Drogen- und Alkoholkranke säubern seit einem Jahr die Essener Innenstadt.
Drogen- und Alkoholkranke säubern seit einem Jahr die Essener Innenstadt.
Foto: Essen
Drogen- und Alkoholkranke säubern seit einem Jahr die Essener Innenstadt. Als Anreiz gibt es Bier. Auch wenn die Fluktuation hoch ist, spricht die Suchthilfe von einem Erfolg.

Essen. Als „Putzen für Bier“ machte das Pilotprojekt bundesweit Schlagzeilen, mittlerweile heißt es „Pick up“ und nach einem Jahr ziehen die Verantwortlichen ein positives Fazit: „Pick up“ sei ein Erfolg und werde um ein weiteres Jahr verlängert. Das kündigten am Dienstag die Geschäftsführerin der Suchthilfe, Bärbel Marrziniak und Jobcenter-Leiter Dietmar Gutschmidt an.

Das Projekt war anfangs umstritten: Drogen- und Alkoholkranke säubern von Montag bis Freitag die Stadt und erhalten neben einer kleinen Entlohnung (Ein-Euro-Job) in der Pause eine Flasche Bier – als Anreiz zum Mitmachen und Durchhalten.

Ein Selbstläufer sei das Projekt dennoch nicht. „Die Menschen laufen uns nicht die Bude ein, wir müssen viel Werbung machen“, sagt der Verantwortliche Oliver Balgar. Im ersten Jahr hat die Suchthilfe auf diesem Weg 21 Abhängige aus der Drogenszene überzeugen können, bei „Pick up“ mitzumachen. Alle haben eine langjährige Drogenkarriere hinter sich, saßen im Schnitt fast zehn Jahre im Gefängnis, haben Schulden und kennen seit Jahren keinen geregelten Tagesablauf. Pick up soll ihnen diese Tagesstruktur wieder geben.

Die Fluktuation ist jedoch groß. Das sei in der Zielgruppe normal, meint Balgar. Viele halten nicht durch, andere setzen aus, kommen wieder. Von den zehn Plätzen, die Pick up bietet, sind zurzeit sechs besetzt, für die übrigen vier gebe es aber bereits Interessenten. Mehr Plätze wären finanziell wie auch räumlich von der Suchthilfe ohnehin nicht zu stemmen, heißt es.

Schulnote 1,6 von den Teilnehmern

Die Teilnehmer selbst sind mit der Arbeit zufrieden, geben dem Projekt die Schulnote 1,6. Anfangs, so räumt der 47-jährige Torsten ein, habe er sich geschämt, weil er glaubte, dass er in der leuchtend orangefarbenen Arbeitskleidung und mit Müllsack als Drogenkranker auf der Straße erkannt werden würde. „Doch wir bekamen super Feedback von den Leuten. Das hat mich aufgebaut.“ Torsten, der mit einer Unterbrechung einer der wenigen ist, die von Anfang an dabei sind, spricht von Stabilität, die ihm „Pick up“ gegeben habe. Seine Privatinsolvenz sei fast beendet, er sei nicht mehr straffällig geworden. Und er trinke weniger als vorher. Eine Beobachtung, die Balgar auch beim Großteil der anderen Teilnehmer machte.

Für die Suchthilfe ist vor allem wichtig, dass sie durch das Putz-Projekt besser an die Trinker- und Drogenszene herankommt und ihr Beratung anbieten kann. Sechs Teilnehmer habe man im ersten Jahr in ein ambulant betreutes Wohnen vermittelt, vier nehmen an einem Entgiftungsprogramm teil, einer an einem Drogenersatz-Programm, ein weiterer begab sich in eine stationäre psychische Behandlung.

Fast nebenbei sind in einem Jahr auf 500-„Pick up“-Touren fast 80 große Container Müll eingesammelt worden und das Essener Modell-Projekt hat auch Nachahmer gefunden. Im Sommer starteten in Köln die „Kölner Feger“. Andere Städte überlegen noch.

 
 

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