Das "Ensemble Ruhr" spielt Schönberg in der Szenebar

Martina Schürmann
Das „Ensemble Ruhr“ in kleiner Besetzung mit (von li.) Zuzana Schmitz-Kolanova, Veronika Stickel, Laura Krause, Max Schmiz, Emanuel  Wehse und Anne Betzl-Reitmeier bei der Probe.Foto:Alexandra Roth
Das „Ensemble Ruhr“ in kleiner Besetzung mit (von li.) Zuzana Schmitz-Kolanova, Veronika Stickel, Laura Krause, Max Schmiz, Emanuel Wehse und Anne Betzl-Reitmeier bei der Probe.Foto:Alexandra Roth
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Das „Ensemble Ruhr“ hat keinen Dirigenten, keinen festen Proberaum und keinen Konzertsaal. Die Musiker spielen lieber „vor Ort“, in Friseursalons und Tanzcafés. Die künstlerische Eigenständigkeit ist ihnen wichtig.

Essen. Die Kammermusik ist in diesem Ensemble manchmal auch Küchenmusik. Dann wird der Esstisch einfach zur Seite geschoben, die Stühle zusammengestellt und los geht die Probe. An diesem Morgen hat Anne Betzl-Reitmeier ihr Wohnzimmer zur Verfügung gestellt. Die Cellistin ist Mitglied im „Ensemble Ruhr“, eine Formation, die vieles anders macht als andere professionelle Orchester.

Zum Beispiel gibt es keinen Dirigenten am Pult. Will heißen: Hier bestimmt die Gruppe, was gut klingt und was nicht. Künstlerische Selbstverwaltung ist angesagt, und das ist nur ein Schritt auf dem Weg zu einem neuen Klassik-Verständnis. Das „Ensemble Ruhr“ spielt dazu auch an Orten, an die sich so schnell kein hauptamtliches Orchester begeben würde – in Friseursalons, Tanzcafés und sogar in verlassene Bunker. Solange sich die neue Raumerfahrung akustisch vertreten lässt, haben die Musiker keine Berührungsängste. Denn sie wollen ja dahin, wo ihr Publikum ist.

"Das kann niemanden kalt lassen"

In Berlin hat die Bundesregierung das Ensemble Ruhr jetzt mit dem Titel „Kultur- und Kreativpiloten 2014“ ausgezeichnet. Eine ideelle Anerkennung, kein Geldpreis, aber verbunden mit der Möglichkeit eines einjährigen Coachings. Ein willkommenes Angebot für die Musiker, denn auch in Sachen Vermarktung und Finanzierung will man neue Wege suchen.

An diesem Morgen steht Arnold Schönbergs „Verklärte Nacht“ auf dem Probenplan. Kein Ohrwurm aus der Klassik-Jukebox, aber so mitreißend, dass die Passanten auf dem Gehweg eigentlich sofort andächtig innehalten müssten. Die Leute müssen dieses Stück einfach kennen, das kann niemanden kalt lassen“, findet der Cellist Emanuel Wehser. Und der Bochumer Poetry Slamer Jason Bartsch hat sich auf das Stück sogar seine eigenen Reime gemacht, die er am Freitagabend zusammen mit den Musikern erstmals in der Bochumer Szenebar „Goldkante“ vorträgt. „Schon cool in einer Kneipe aufzutreten, in der ich sonst mit meinen Freuden Bier trinke“, findet Bartsch. Ins Konzerthaus geht er auch. Klassik hat in Deutschland eben viele Spiel-Räume.

Künstlerische Verwirklichung steht im Vordergrund

Das Ensemble Ruhr sucht die Nischen, räumlich wie programmatisch. Die künstlerische Eigenständigkeit geht hier vor beruflicher Sicherheit, was freilich mit finanziellen Kompromissen verbunden ist. Es gibt kein festes Gehalt, keine feste Anzahl von Orchesterdiensten. Es gibt Projekte, die von einzelnen Mitgliedern des Ensembles organisiert werden, inklusive Suche nach dem passenden Aufführungsort und Probenraum.

Die Kirchengemeinde Rellinghausen und das Kunsthaus Essen helfen bei größerer Besetzung aus. Nicht jeder ausgebildete Musiker würde bei diesem Grad von Improvisation glücklich, „aber wir sind halt alle Typen, die etwas Eigenständiges machen wollen“, sagt Anne Betzl-Reitmeier. Die künstlerische Verwirklichung stehe im Mittelpunkt und die Suche nach neuen Vermittlungswegen für Beethoven und Bach. Im nächsten Jahr wollen sie auch in einem Flüchtlingslager auftreten. „Musik ist für alle da“, sagt die Cellistin. Und wenn schon manche Grenze nicht zu überwinden ist, dann doch wenigstens die Hürden neuer Hörerfahrung.