Das Aalto-Theater bekommt Besuch von seinen Schöpfern

Christina Wandt
Die Architekten Urs Anner (l.) und Tide Huesser haben jahrelang für Alvar Aalto gearbeitet und Entwürfe für das Essener Aalto-Theater gezeichnet. Das fertige Bauwerk sahen die beiden Schweizer jetzt zum ersten Mal.
Die Architekten Urs Anner (l.) und Tide Huesser haben jahrelang für Alvar Aalto gearbeitet und Entwürfe für das Essener Aalto-Theater gezeichnet. Das fertige Bauwerk sahen die beiden Schweizer jetzt zum ersten Mal.
Foto: WAZ
Die Architekten Urs Anner und Tide Huesser zeichneten als junge Männer Entwürfe für das Aalto-Theater. Erst jetzt besuchten sie das Essener Opernhaus.

Essen.  Mehr als ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit das Aalto-Theater eingeweiht wurde. Doch zwei Architekten, die mit den Plänen hunderte Stunden am Zeichentisch verbrachten, sahen sich das fertige Bauwerk erst jetzt an. Für Urs Anner und Tide Huesser, die damals im Atelier des finnischen Architektur-Stars Alvar Aalto arbeiteten, ist es auch eine bange Begegnung. „Die Oper war ein Wunschprojekt, aber es verschwand so oft in der Schublade. Ich habe lange nicht geglaubt, dass es noch gebaut wird“, erinnert sich der 72 Jahre alte Urs Anner.

Als junger Mann war er aus der Enge der Schweiz nach Finnland gegangen, erst in das Büro eines unbekannten Architekten. „Und dann bin ich reingerutscht in die Aalto-Welt!“ Das war 1970 und es arbeiteten kaum 20 Personen für den berühmten Aalto. „Es war so inspirierend, locker. Es gab weder Organisation noch Arbeitszeiten.“ „Aalto fragte höchstens: ,Sind Sie morgen da?’“, stimmt Tide Huesser (74) zu. Als völlig angstfrei, kreativ, lustvoll habe er die Atmosphäre erlebt. „Es war total anarchistisch.“ Alvar Aalto, der die Architektur dem menschlichen Maß unterwarf, war offenbar auch als Chef ganz Mensch.

Huesser kam 1971 nach Helsinki; Anner, der ihn aus der Zeit in einem Züricher Büro kannte, hatte ihn geholt. „Bei Aalto gab es immer eine Schweizer Garde.“ Als die beiden jungen Männer ihre Aalto-Zeit begannen, gab es die ersten Entwürfe für das Essener Opernhaus schon seit einem Jahrzehnt: Aalto hatte den Wettbewerb 1959 gewonnen.

Doch während in Finnland gezeichnet wurde, wurde in Essen gezögert: Immer wieder habe es hoffnungsvolle Gespräche mit den Verantwortlichen vor Ort gegeben, erinnern sich die Schweizer. „Dann stockte es, am Ende zogen sie denn Rathausbau vor“, seufzt Anner.

Sechs Jahre hat er an dem Opern-Projekt mitgearbeitet, vier waren es bei Huesser. Angesichts der so ungewissen Zukunft des Bauwerks, sei das bisweilen eine zwiespältige Sache gewesen. „Aber wir haben immer das Maximum gegeben.“ Wie Aalto selbst, der als Designer auch Türgriffe, Ledersofas und die Marmortische im Foyer entwarf. Der an jedes Detail dachte und nicht einmal den Baubeginn erleben sollte.

Als Aalto 1976 starb, verließ Urs Anner das Atelier, blieb aber lange in Finnland, heiratete eine Finnin, mit der er seit 1994 in Zürich lebt. Tide Huesser, der heute ein Architekturbüro am Bodensee hat, arbeitete bis 1987 für Aaltos Witwe Elissa. Einmal war er auf der Baustelle in Essen, wo nun der Architekt Harald Deilmann Regie führte. Als das Aalto-Theater 1988 eingeweiht wurde, reiste Huesser nicht an. „Wo wir Kranichfüße gezeichnet haben, baute man Elefantenfüße“, sagte er, bevor er jetzt nach Essen kam.

Möglich gemacht hat es die Alvar-Aalto-Gesellschaft, die dieses Jahr in Essen zu Gast ist – eine von nur vier Aalto-Städten in Deutschland. Am Freitag haben sich die Architekten das Opernhaus am Stadtgarten angeschaut, danach nimmt Huesser die Elefantenfüße nicht zurück, das Vordach etwa sei zu massiv, seiner Eleganz beraubt. Trotz solcher Mängel sagt er: „Ich bin glücklich hier.“ Anner nickt: „Wie das Licht hier hineinfällt, wunderschön!" Bei Bauwerken, die erst nach dem Tod ihres Schöpfers entstehen, fehle oft etwas: „Hier aber spürt man Aaltos Geist. Es ist schön gemacht!“ Als die beiden die Treppe hinuntergehen, fasst Huesser den ledernen Handlauf: „Immer edle Materialien. Bei Aalto ist alles festlich!“

Heute Abend werden sie hier den „Nussknacker“ sehen, aber schon jetzt dürfe man schreiben, dass ihr Besuch eine Versöhnung mit dem Haus und seiner schwierigen Entstehungsgeschichte sei: „Es ist geglückt.“