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Darum werden Facebook-Gruppen immer mehr mit persönlichen Postings überschwemmt

Darum werden Facebook-Gruppen immer mehr mit persönlichen Postings überschwemmt

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Foto: Imago
  • Immer mehr Menschen benutzen Facebook-Gruppen für soziale Interaktionen
  • In Gruppen landen Selfies, Fragen oder auch nur Quatsch
  • Das kann negative Konsequenzen haben, sagt ein Psychologe

Essen. 

Ein Selfie vom Frühstück, ein lustiges Katzenvideo aus dem Haustierarchiv, dazwischen: Umfragen zum Lieblings-Italiener, Nachfragen zum Gewitter der letzten Nacht oder dem Heli-Lärm über dem Haus.

Wenn du häufig auf Facebook unterwegs bist, wird dir bestimmt aufgefallen sein, dass Gruppen wie „Du weißt, dat du aus Essen kommst, wenn…“, das „Nett-Werk Duisburg“ oder „Bock auf Bottrop“ immer mehr zu Orten von eigentlich privaten Gesprächen geworden sind.

Waren diese Gruppen früher fast ausschließlich Verkaufsplattformen für Konzerttickets, Möbel und Krempel oder Sprechstunden-Ort für Fragen aller Art, sind es heute vor allem private Fotos und Gespräche, die die Gruppe füllen.

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Doch woran liegt es, dass Menschen ihr Leben im Social-Web immer häufiger nicht nur mit ihrem eigenen Freundeskreis kommunizieren wollen, sondern gleich das Gespräch mit einer eigentlich relativ unbekannten Masse suchen?

„Diese Entwicklung hat seine Ursprünge in den 90er Jahren“, erklärt Psychologe Sebastian Bartoschek. Damals entstand die Idee, dass Nationalstaaten der Vergangenheit angehören. Stattdessen suchten die Menschen ihre Verbundenheit im Hyperlokalen. Sprich: Im engeren Umfeld, statt in der Ferne. Kurioser Weise hat gerade Facebook, eine Plattform, mit der man auch Kontakt zu Menschen auf anderen Kontinenten halten kann, „das durch seine Gruppenfunktion noch einmal verstärkt. Auch wenn man sich nicht kennt, kommt dort ein Gefühl der Gemeinsamkeit auf“, so der Psychologe.

Und in diesen Gruppen gibt es kaum Widerspruch, etwa von Mit-Veganern in der Vegan-Gruppe oder Nachbarn aus der Nachbarschaft-Gruppe. Bartoschek:„Es gibt dort oft vielmehr Zustimmung als im eigenen Freundeskreis. Deshalb verkehrt der Mensch gerne in diesen Gruppen.“ Dabei könne die eigentliche Unterhaltung sehr oft vom Gruppenzweck abgehoben sein.

Dass sich die Kommunikation verlagert, sei dabei kein bewusster Prozess, so der Psychologe. Unterbewusst sucht sich der Mensch Gleichgesinnte. Das kann auch negative Folgen haben: „Besonders bei politischen Themen sehen wir, dass Menschen ihre Freundeslisten regelrecht säubern. Nach dem Motto: Siehst du etwas nicht wie ich, dann bist du entfreundet.“

Dies sei zuletzt nach den G20-Protesten wieder der Fall gewesen. „Wenn wir das konsequent zu Ende denken, werden irgendwann kontroverse Diskussionen der Vergangenheit angehören.“ Gefährliche Filterblasen entstehen dann, so der Psychologe.

Eine zweite Erklärung für die Flut an persönlichen Dialogen innerhalb der Facebook-Gruppenwelt ist noch ein anderer: „In Zeiten von Social-Media ist Aufmerksamkeit die Währung, mit der wir alle zahlen. Waren es früher die Selfies im eignen Facebook-Feed, reicht das heute nicht mehr aus.“

Nacheifern der Stars

Dabei nehmen vor allem Stars eine Vorbildfunktion ein. Auch die Posten in den sozialen Netzwerken Dinge aus ihrem Leben – an ihre Follower. Ähnlich verhält es sich bei Normales, die ihr Leben in Facebook-Gruppen teilen. „Das hat nichts mit Narzissmus zu tun, sondern mit der Selbstwirksamkeit: Man kann sich in einem positiven Licht präsentieren. Und bekommt sehr einfach einen enormen Zuspruch“, so der Psychologe.

Doch nicht nur Nacheifern ist Grund für die Posting, sondern auch der tiefe Wunsch, ähnlich erfolgreich zu sein. „Wir sehen dort zum Beispiel Youtube-Stars, die scheinbar mit wenig Aufwand große Stars geworden sind. Das ist für viele Leute sehr reizvoll.“

(ds)