Essen

Darum sagten in Essen viel mehr Deutsch-Türken „Ja“ zum Erdogan-Referendum als in anderen Großstädten

Im Ruhrgebiet sagten viel mehr Türken "Ja" zu Erdogans Verfassungsplänen als in Berlin.
Im Ruhrgebiet sagten viel mehr Türken "Ja" zu Erdogans Verfassungsplänen als in Berlin.
Foto: Paul Zinken / dpa
  • In Essen gab es die höchste Zustimmung beim Türkei-Referendum von ganz Deutschland
  • Doch warum wählten die Türken im Revier so anders als die in Berlin?
  • Türkeiexperte Burak Copur erklärt es

Essen. In Deutschland gab es insgesamt 13 Wahllokale zum Türkei-Referendum.

Nirgendwo fiel die Wahl so eindeutig aus wie in Essen. 76 Prozent aller wahlberechtigten Türken stimmten für die von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan angestrebte Änderung der türkischen Verfassung.

Nirgendwo so viel Zustimmung wie in Essen

Doch warum war das Ruhrgebiet so rekordverdächtig mehrheitlich für die Machtausweitung von Erdogan? Großstädte wie Berlin (50 Prozent Ja-Stimmen), Hamburg (57 Prozent) und Frankfurt (58 Prozent), hatten deutlich geringere Ergebnisse an den Urnen.

„Das liegt zum Teil an der Sozialstruktur der türkischen Einwanderer in den unterschiedlichen Städten“, erklärt Burak Copur. Er ist Politikwissenschaftler und Türkeiexperte an der Universität Duisburg-Essen.

Ins Ruhrgebiet wanderten viele Bergarbeiter

Die Türken in Berlin kommen aus allen gesellschaftlichen und sozialen Schichten. Dort leben auch viele Oppositionelle wie Kemalisten, Kurden und Aleviten. „Die türkische Community in Berlin ist ein Abbild der pluralen Gesellschaft der Türkei. Deshalb ist das Berliner Wahlergebnis dem türkischen Gesamtergebnis auch spiegelbildlich sehr ähnlich.“

Ins Ruhrgebiet kamen zu den Hochzeiten des Bergbaus und der Zechen dagegen vor allem Türkeistämmige aus den ländlichen Gebieten wie aus Zentralanatolien oder der Schwarzmeerküste.

Ländliche Arbeiterklasse ist Erdogan-Unterstützer

„Diese Regionen sind traditionell AKP-Hochburgen, also Unterstützer Erdogans“, sagt Copur. „Die Menschen, die aus diesen Gebieten ins Ruhrgebiet immigriert sind, gehören größtenteils zur Arbeiterklasse und sind islamisch-konservativ geprägt.“

Die mehrheitliche Ablehnung der Verfassungsänderung durch Auslandstürken in den klassischen Einwandererstaaten wie die USA, Kanada, Neuseeland, Australien oder Großbritannien zeige aber, dass es auch anders geht. „Das sind klassische Einwanderungsländer, die auch ein Selbstbild als Einwanderungsnation und ein ,Wir-Gefühl' pflegen, mit dem sich auch Migranten identifizieren können“, so der Essener Politolge.

„Die türkische Wählerschaft ist dort zwar im Vergleich zu der in Kerneuropa hochgebildet, aber durch eine kluge Einwanderungs- und Integrationspolitik dieser Staaten auch weniger anfällig für die politische Instrumentalisierung durch das Erdogan-Regime.“

Mehr zum Türkei-Referendum:

Im Video: 75 % wählen im Ruhrgebiet pro Erdogan - Was Essener dazu sagen

Imbiss-Mitarbeiter Sevket aus Katernberg zum Erdogan-Sieg: „Es wird schlimmer - Wir werden hier noch mehr Unruhen bekommen“

75 Prozent pro Erdogan in Essen – so erklärt ein geschockter Oberbürgermeister Kufen das Ergebnis

 
 

EURE FAVORITEN