Contergan-Opfer aus Essen kämpft weiter

Susanne Fisch hat conterganbedingt verkümmerte Arme und braucht inzwischen einen Rollstuhl.
Susanne Fisch hat conterganbedingt verkümmerte Arme und braucht inzwischen einen Rollstuhl.
Foto: WAZ FotoPool
Seit einem Jahr ist sie, zumindest zeitweilig, auf einen Rollstuhl angewiesen. Ihre Füße, mit denen sie ihr Leben lang alles machte. Ihr Körper baut ab, ein Begleithund könnte Contergan-Opfer Susanne Fisch helfen. Eine Pharma-Firma macht ihr Hoffnung.

Essen.. Als Susanne Fisch geboren wurde, gaben ihr die Ärzte keine Chance. Später sagten sie, dass sie nicht älter als 19 werden würde. Susanne Fisch ist Contergan-geschädigt und kam ohne Arme auf die Welt: Heute ist sie 51 Jahre alt und leidet an dem zunehmenden Verschleiß ihres Körpers. Ihr Schicksal teilt sie mit den rund 2800 noch lebenden Contergan-Opfern in Deutschland.

Seit einem Jahr ist sie, zumindest zeitweilig, auf einen Rollstuhl angewiesen. Ihre Brustwirbelsäule ist inzwischen steif, ihre Sehnen an den Füßen sind chronisch entzündet. Ihre Füße, mit denen sie ihr Leben lang alles macht, „außer Fensterputzen und Töpfe heben“, tragen sie nicht mehr weit. Lange suchte sie eine barrierefreie und bezahlbare Wohnung. Als aussichtslos erwies sich die Suche nach einem Sponsor für einen Assistenzhund, der etwa beim Anziehen oder Türen öffnen helfen soll. All das fällt ihr zunehmend schwerer. „Weil die Schmerzen schlimmer werden.“

Verzweifelt Sponsoren gesucht

Verzweifelt schrieb sie Essener Firmen, bot an, Reklame auf dem Auto oder am Hundegeschirr zu machen. Zwecklos. Weil der Hund 30.000 Euro kosten würde, hat sie überlegt, ihn mit einer Trainerin selbst auszubilden. Auch das könnte sie nicht ganz allein tragen; schließlich hat sie laufend hohe Zusatzkosten: Angefangen mit jedem Pullover, an dem Ärmel gekürzt werden müssen.

Susanne Fisch ist mit ihrer Katze von Kupferdreh nach Bochold gezogen. Damit sind ihre sozialen Kontakte abgebrochen. Der Hund könnte helfen, neue zu knüpfen, hofft sie. „In Kupferdreh kannte mich jeder.“ Dort kam sie „auf der Couch zur Welt“, lernte Rollschuhlaufen und Radfahren, hat sich blaue Flecken und Gehirnerschütterungen geholt, den Helm nie aufgesetzt. „Zum Leidwesen meiner Mutter“, sagt sie immer wieder und gestikuliert mit den Füßen. Später lief sie begeistert Ski, lernte mit ihrem Vater in der Ruhr schwimmen, wurde Leistungssportlerin. Mit der Freundin krabbelte sie auf Bäume, „weil die Aussicht so schön war“. Jahrelang ist sie geritten, hat sich die Zügel hinter die Schultern geklemmt. „Reiten macht mein Rücken nicht mehr mit“, bedauert sie.

Seit zwei Jahren lebt sie von Frührente, ist auf Grundsicherung angewiesen. 25 Jahre lang hat die Bürokauffrau zuvor bei der Stadt gearbeitet. „Lasst mich mal machen“, begrüßte sie ihre Kollegen damals.

"Manche Dinge passieren"

„Meine Prothesen habe ich schon als Kind ständig fallen lassen“, erinnert sie sich lachend. Als Jugendliche hat sie die drückenden Dinger in der Disco in England einfach abgestellt. „Arme und Susanne, so bin ich nicht.“ Mit ihrem Schicksal hadert sie nicht: „Manche Dinge passieren.“ Ihre Mutter lebte dagegen mit ewigen Schuldgefühlen wegen der einen Tablette, die sie im dritten Monat der Schwangerschaft genommen hatte: vom Arzt verschrieben, das Schlafmittel Contergan.

„2011 haben wir eine Initiative für solche Notfälle gegründet“, sagt Frank Schönrock, Unternehmenssprecher des Herstellers Grünen-thal, zur Lage von Susanne Fisch. Einen Antrag soll sie ausfüllen, sie werden ihn unbürokratisch prüfen, macht er Hoffnung: „Ein Assistenzhund ist ein typisches Anliegen, das an uns herangetragen wird.“

Susanne Fisch war immer tierlieb, hatte als Kind Vögel, Hamster und Pudel. „Pubertät war dann doof“, Fußball viel wichtiger. Irgendwann kam der erste Freund. Einen Partner fürs Leben zu finden, ist bisher nicht gelungen: „Ich brauche keinen Kümmerer, dafür habe ich den Pflegedienst“. Überhaupt sei der Umgang mit Behinderten oft verkrampft. Bei ihren Reisen hat sie es anders erlebt: „In Kenia war ich Königin“, erzählt sie fröhlich. Doch sie kennt auch schwere Zeiten. Sie hat die Klinik-Aufenthalte als Kind nie aufgearbeitet, erzählt sie, hat viel heruntergeschluckt, verdrängt – und immer gekämpft.

Assistenzhund: Stiftung und Krankenkasse lehnen ab

Die Krankenkassen zahlen für Assistenzhunde nicht, weil ein Hilfsmittel laut Gesetz die Behinderung im gesamten Alltag ausgleichen muss, sagt der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen. „Der Hund kann etwa die Arme bei der Körperpflege nicht ersetzen.“ Ein Blindenführhund hingegen gilt als orthopädisches Hilfsmittel.


Von der Contergan-Stiftung, 1972 per Gesetz errichtet, gibt es laut Stiftungsgesetz: eine einmalige Kapitalentschädigung, eine monatliche Rente, eine jährliche Sonderzahlung. „2013 wird es voraussichtlich eine Gesetzes-Änderung geben. Ob und welche neuen Leistungen dann möglich sind, ist offen“, so die Stiftung.

 
 

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