Essen

Kriminelle Clans in NRW: „Radikale Wege“ – Expertin mit diesem revolutionären Vorschlag

Clan-Kriminalität in NRW: Die Expertin Dorothee Dienstbühl sagt: „ Ich bin dafür, dass man die negative Sozialisierung stören muss. Raus aus dem patriarchalen Kontrollsystem.“
Clan-Kriminalität in NRW: Die Expertin Dorothee Dienstbühl sagt: „ Ich bin dafür, dass man die negative Sozialisierung stören muss. Raus aus dem patriarchalen Kontrollsystem.“
Foto: dpa

Essen. Der Essener Norden oder Duisburg-Marxloh, sie gelten als Schwerpunkte der kriminellen Clans in NRW.

Dorothee Dienstbühl weiß, wie es sich dort anfühlt, hospitiert regelmäßig bei Polizei und anderen Behörden bei deren Einsätzen und lässt das in ihre Arbeit einfließen. Dienstbühl ist Professorin an der Fachhochschule für Öffentliche Verwaltung in Nordrhein-Westfalen.

Seit vergangenem Jahr beschäftigt sie sich dabei schwerpunktmäßig mit dem Thema Kriminalität der Clans in NRW und begleitet mit ihrer Kollegin Kollegin Sonja Labryga die Besondere Aufbauorganisation „Aktionsplan Clan“ der Essener Polizei wissenschaftlich.

Clans in NRW: Expertin forscht zum Thema Clankriminalität

Wir haben mit ihr über ihre Arbeit, Einsätze in Clan-Hotspots und spannende Präventionsansätze gesprochen.

Frau Dienstbühl, Sie forschen zum Thema Clankriminalität. Wie muss man sich ihre Arbeit vorstellen?

Dorothee Dienstbühl: Unser Forschungsprojekt 'Bekämpfung der Kriminalität durch subkulturelle Familienstrukturen - das Essener Modell' ist zweisträngig angelegt: Zum einen die wissenschaftliche Begleitung und Feldforschung und zum anderen die Evaluation.

Dabei geht es um die Fragestellung, welche Maßnahmen und Initiativen der Polizei, aber auch die Kooperationen mit den Finanzbehörden, Zoll und Ordnungsamt Wirkung zeigen. Die Arbeit der BAO der Essener Polizei und des Interbehördlichen Koordinierungskreises (IBK) ist für uns sehr spannend, weil diese Art der Behördenkooperation ausgesprochen innovativ ist. Mit der Begleitung dessen betreten auch wir in der deutschen Forschungslandschaft Neuland.

Wie sieht Ihre Forschung zum Thema konkret aus und wie generieren Sie Erfahrungswerte?

Dienstbühl: Uns ist es wichtig, nicht nur vom „Elfenbeinturm der Wissenschaft“ zu beobachten, sondern die Problempunkte und die Gegebenheiten direkt vor Ort kennenzulernen. Auch ist es unser Anliegen, die Arbeit der Polizei und der Kooperationspartner in Interaktion mit den Angehörigen sogenannter Clans und bei Einsätzen zu sehen und die Herausforderungen für die Behörden nachzuvollziehen. Entsprechend hospitieren wir, um ein besseres Gefühl für unseren Forschungsgegenstand zu bekommen. Dankenswerterweise haben wir sowohl mit der Essener Polizei, aber beispielsweise auch mit dem Ordnungsamt der Stadt Essen einen sehr konstruktiven Austausch.

Welchen Bezug haben Sie zu dem Thema Clans?

Dienstbühl: Ich setze mich schon seit einigen Jahren mit Paralleljustiz, sogenannten Friedensrichtern, dem Ehrbegriff und den zugrundeliegenden patriarchalen Familienstrukturen auseinander. Das sind wesentliche Elemente, um das Problem Clankriminalität verstehen zu können.

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Welche Veränderungen haben Sie in Ihrer bisherigen Begleitung der Essener Polizei festgestellt?

Dienstbühl: Polizisten und Angehörige anderer Behörden berichten, dass es insgesamt auf der Straße etwas ruhiger und auch polizeibekannte Mitglieder in der Interaktion mit der Polizei gemäßigter geworden sind. Das zeigt sich vor allem in der Zahl der Tumultdelikte, diese sind zurückgegangen. Aber das ist eine Momentaufnahme. Zwischenzeitlich war es sehr ruhig, zuletzt gab es aber wieder die ein oder andere öffentlich ausgetragene Streitigkeit, wie beispielsweise auch jüngst beim Gerichtsprozess gegen Clan-Mitglieder in Essen.

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Bislang gibt es für die Maßnahmen der Polizei viel Zustimmung, aber auch kritische Stimmen. Wie beobachten Sie aus wissenschaftlicher Sicht diese Reaktionen auf die Maßnahmen gegen Clan-Kriminalität?

Dienstbühl: Wir haben drei Linien ausgemacht, die sich vor allem in Social Media und in den Kommentarfunktionen der Medien beobachten lassen. Erstens: Zustimmung. Die Leute sagen ‚Endlich passiert mal was!‘ Dann gibt es welche, die sagen, dass alles viel zu spät käme und die Polizei angesichts des gewachsenen Problems machtlos sei. Und drittens wird die Ansicht geäußert, die Maßnahmen seien eine Stigmatisierung gewisser Bevölkerungsgruppen.

Das Thema Clankriminalität ist derzeit natürlich sehr präsent. Ich würde sagen, dass in der Bevölkerung aktuell eine recht große Zustimmung besteht. Aber das kann sich durch Vorfälle und die Berichterstattung auch schnell wieder ändern.

Sie haben Stigmatisierung angesprochen. Polizei und Behörden müssen sich immer wieder dem Vorwurf des Racial Profiling stellen. Wie sehen Sie das?

Dienstbühl: Die Großfamilien sind Mitglieder ethnischer Minderheiten. Das ist nicht nur eine Gegebenheit, sondern es ist ein wesentliches Merkmal, denn die Kulturalität beeinflusst das Gefüge und damit auch die Kriminalität. Dies muss man aussprechen und auch behandeln können, ohne sofort des Rassismus und der Diskriminierung bezichtigt zu werden.

Uns interessiert, ob die polizeilichen Maßnahmen unangemessen und aufgrund von Racial Profiling angreifbar sind. Deswegen ist es wichtig, den Umgang bei Einsätzen auch mal direkt zu sehen und zu erleben. Gerade die Kontrollmaßnahmen werden in diesem Kontext häufig kritisiert.

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Allerdings sind Shisha-Bars oder Autos keine Rassen. Beispielsweise die Fahrzeug-Kontrollen richten sich regelmäßig gegen auffällige Autos bzw. auffälliges Verhalten durch die Fahrer, wie beispielsweise Parken auf der Straße und ähnlichem. Das ist dann unproblematisch.

In der Frage, ob es Racial Profiling durch Polizeibeamte gibt, finde ich das Verhalten der Beamten während solcher Kontrollen entscheidend: Verhalten sie sich beispielsweise herablassend, äußern sie sich in beleidigender Weise aufgrund eines Migrationshintergrundes oder lassen sie sich provozieren und äußern sich diskriminierend? Das sind Punkte, die für uns an der HSPV NRW für die Ausbildung der angehenden Polizeibeamten sehr wichtig sind und für die wir sensibilisieren.

Ich bin bislang sehr beeindruckt, wie ruhig, sachlich und dennoch bestimmt auch sehr junge Polizisten und Polizistinnen ihre Maßnahmen durchführen, obwohl sie mitunter ziemlich heftige Beleidigungen einstecken müssen.

Das Lagebild des LKA zeigt einen prozentual hohen Anteil an Kriminalität bei den Großfamilien der sogenannten Mhallamiye-Kurden. Wie erklären Sie als Wissenschaftlerin sich das?

Dienstbühl: Da müssen wir zurück in die Migrationsgeschichte springen. Im Endeffekt hat man sich jahrelang nicht um die Gruppe gekümmert. Die Mitglieder der Großfamilien wurden lediglich verwaltet, besaßen nach dem Asylgesetz keinen Anspruch, wurden aber nicht abgeschoben. Integration war überhaupt kein Thema.

Doch diese historischen Fehler sind nicht die einzigen Gründe dafür, dass diese Gruppe heute besonders kriminell ist. Ich stoße bei der genaueren Betrachtung auf fünf Faktoren, die ich wesentlich für kriminelles Verhalten gerade jüngerer männlicher Mitglieder der Familien finde: Erstens haben sie eine unglaubliche Anspruchshaltung. Die kommt durch ihre Familien, die ihnen beibringen, dass sie erfolgreich sein müssen. Erfolg definiert sich vor allem durch Geld.

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Die Eltern kennen oft nur wenige Berufe wie Arzt oder Jurist, aber der Weg dahin ist oft nicht impliziert. Gerade junge polizeibekannte Clan-Mitglieder haben eine Vita mit überschaubaren Qualifikationen, sehen sich allerdings als geborene Manager oder Künstler. Sie wollen keine Ausbildung machen, sondern ein eigenes Business. Und das oft ohne große Berufserfahrung oder irgendwelchen Abschlüssen. Wir sprechen in der Kriminologie von einem Ziel-Mittel-Konflikt: Es gibt ein Ziel, aber nicht die notwendigen legalen Mittel oder persönlichen Ressourcen. Also wird Kriminalität zu einer logischen Alternative.

Welche weiteren Faktoren spielen eine Rolle?

Dienstbühl: Der Ehrbegriff: Das besondere Ehrempfinden, das unter allen Umständen verteidigt werden muss, führt dazu, dass es auch schnell durch Mitmenschen torpediert werden kann. Wenn sie das Gefühl haben, ihre Ehre wurde verletzt, dann muss sie wiederhergestellt werden. Die Ehre steht über allem. Das führt zu einer erhöhten Gewaltbereitschaft und erklärt die salopp ausgedrückt kurze Zündschnur junger, männlicher Clanmitglieder.

Drittens die Familienstruktur: Die Familie dient den Delinquenten als Schutzmacht. In der Gruppe trauen sie sich, was sie allein niemals tun würden. Das führt dann zu Drohkulissen, dem Austauschen von Identitäten bei Kontrollen oder falschen Alibis.

Viertens: ein eigenes Rechtssystem. Die Familien haben eigene Autoritäten, Friedensrichter, die Angelegenheiten untereinander regeln. Das in Deutschland geltende Recht ist maximal zweitrangig. Entsprechend tangieren sie rechtliche Konsequenzen meist nicht besonders, sofern es ihnen nicht das Geld wegnimmt.

Und zuletzt die Opferrolle: die eigentlichen Aggressoren sehen sich gerne in der Opferrolle, unterstellen Polizei und Justiz systematischen Rassismus. Konsequenz sind dann zum Beispiel Anzeigen gegen Polizeibeamte, weil sie sich diskriminiert fühlen. Vor allem die Strafverteidiger nutzen diese Opferrolle sehr strategisch. Im Zweifel ist der deutsche Staat Schuld am kriminellen Verhalten und nicht die Person, die kriminell agiert.

20 Prozent der Mehrfachtäter sind laut LKA-Lagebild Frauen. Experten sehen Frauen dennoch als Ansatzpunkt, um die Strukturen der Großfamilien aufzubrechen.

Dienstbühl: Das ist schwierig. Wenn man Frauen nur als Opfer sieht, die unbedingt ein selbstbestimmtes Leben führen und aus den Strukturen ausbrechen wollen, verschätzt man sich. Viele Frauen wollen dort überhaupt nicht raus. Gleichzeitig muss man versuchen, an sie heranzutreten, denn es sind die Frauen, die die Kinder erziehen.

Entsprechend müssen wir herausfinden, wie sie für Alternativen angesprochen werden können und das bedeutet vor allem auch Raum außerhalb des familiären Kontrollrahmens zu schaffen. Von der AWO gibt es beispielsweise schon ein Frauencafé in Essen. Aber reicht ein solches Angebot?

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Mit dem Thema Prävention tun sich alle Beteiligten schwer. Warum ist das so und welche Ansätze würden aus Ihrer Sicht Erfolg versprechen?

Dienstbühl: Es gibt in Sachen Prävention nicht das eine Konzept, dass man überstülpen und dann sagen kann: so funktioniert es. Dafür ist das Phänomen zu komplex und die familiären Strukturen von außen nicht einfach zu überwinden. Im letzten Jahr ging der Vorschlag einiger Politiker durch die Presse, kriminellen Clanmitgliedern die Kinder wegzunehmen. Das halte ich für kompletten Unsinn.

Eine Inobhutnahme ist nur bei akuter Kindeswohlgefährdung zulässig. Und die Kinder der Clans sind in der Regel nicht verwahrlost, unterernährt oder sonst irgendwas. Hier sind die Rechte der Familie in Deutschland durch unser Grundgesetz geschützt.

Ich stimme aber dem Gedanken zu, dass man die negative Sozialisierung der Familien und das patriarchale Kontrollsystem früh stören muss. Übrigens nicht nur bei den jetzt in Rede stehenden Clans.

Ich würde mir in diesem Zusammenhang den Mut wünschen, über Integration neu nachzudenken und auch radikale Wege zumindest in Erwägung zu ziehen. Beispielsweise die Überlegung zu einer Kindergartenpflicht für Kinder aus geflüchteten Familien. Das ist ein Stück weit Wunschdenken und es würde natürlich sehr stark in die Selbstbestimmung eingreifen. Aber so könnte man Narrative der Eltern und der Großfamilien aufbrechen und auch den Erwachsenen die Partizipation und Arbeitsaufnahme erleichtern.

Vor allem in Hinblick auf die Menschen, die seit 2015 im Zuge der Flüchtlingskrise nach Deutschland kamen, sollten wir für solche Ansätze offen sein, um nicht dieselben Fehler zu wiederholen. Auch Lehrer und Pädagogen in den Grundschulen müssen mehr für die Problematiken abgeschotteter Subkulturen sensibilisiert werden. Außerdem sollte die Schulpflicht, also das Instrument, das wir bereits haben, rigoros durchgesetzt werden. Ein weiterer Ansatz wären Ganztagsschulen, um Kinder und Jugendliche aus dem Einfluss der Familien rausziehen.

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Wir denken Prävention immer sehr stark im Kontext bereits auffällig gewordener Jugendlicher und das ist häufig schon sehr oder zu spät. Die Kinder kriegen die Wertevorstellungen von Geburt an vermittelt. Wenn wir ihnen im Teenager- oder Heranwachsendenalter, und wenn sie bereits strafrechtlich in Erscheinung getreten sind, sagen: „Wir bieten Euch eine Ausbildung, werdet doch bitte Mitglied der Gesellschaft, die Ihr Euer Leben lang abgelehnt habt“ - dann klappt das regelmäßig nicht.

Unter anderem auch, weil sie sehen, dass sie mit rechtswidrigen Geschäften zu mehr Geld kommen, ohne jeden Morgen früh aufstehen und arbeiten zu müssen. Bei hochgradig auffälligen Jugendlichen, muss aus meiner Sicht zunächst eine vernünftige Repression greifen, damit sie lernen, dass ihr Handeln Konsequenzen hat.

 
 

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