Essen

Clankriminalität: Essen ist DIE Hochburg – doch neue Clans stehen schon in den Startlöchern

Immer wieder kommt es zu Razzien in verdächtigen Lokalen, um der Clankriminalität Einhalt zu gebieten. (Symbolfoto)
Immer wieder kommt es zu Razzien in verdächtigen Lokalen, um der Clankriminalität Einhalt zu gebieten. (Symbolfoto)
Foto: dpa

Essen. Nun ist es offiziell. Essen ist die unumstrittene Hochburg krimineller Clanaktivitäten in NRW. So viel ist schon nach einem flüchtigen Blick ins „Lagebild Clankriminalität 2018“ klar. Das Landeskriminalamt hat den Bericht am Mittwoch veröffentlicht.

Daraus geht deutlich hervor: Die Polizei in Essen hat viel zu tun. 2439 Straftaten von Mitgliedern einer türkisch-arabischstämmigen Clanfamilie musste sie allein in den Jahren 2016 bis 2018 bearbeiten. Das ein trauriger Rekord in Nordrhein-Westfalen.

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Zum Vergleich: Die am zweitstärksten von Clankriminalität betroffene Stadt ist Gelsenkirchen mit „nur“ 1096 Straftaten von Clan-Mitgliedern. Weniger als die Hälfte als in Essen, aber immer noch extrem viel. Köln (587 Straftaten) und Düsseldorf (391 Straftaten) spielen im Vergleich kaum eine Rolle.

Clankriminalität in Essen: Gewalt, Drogen, Geldwäsche

Die allermeisten dieser Straftaten sind so genannte „Rohheitsdelikte“, also etwa schwere Gewaltdelikte, Raub, Brandstiftung oder (versuchte) Tötung.

Einen weiteren Schwerpunkt gibt es bei Eigentums- und Rauschgiftdelikten. Vor allem im Handel mit Kokain und Cannabis sind Clanmitglieder der verschiedenen Familien laut des Lagebilds stark involviert. Damit zusammen hängen auch Security-Dienstleistungen – nach dem Motto: Wer die Türen kontrolliert, kontrolliert auch, wer wo welche Drogen verkauft.

Klassische andere „Betätigungsfelder“ sind dem Bericht zufolge Geldwäsche in Shisha-Bars, Betrug in Wettbüros, Vernetzungen in der Rocker, Rapper- und Kampfsportszene.

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Das Lagebild fasst zusammen, „dass von den türkisch-arabischen Clanstrukturen vielfältige Gefahren mit Blick auf die öffentliche Sicherheit und Ordnung in NRW ausgehen. Die Bewältigung polizeilicher Einsätze (speziell Tumultlagen) unter Beteiligung von Clanmitgliedern sowie die Ermittlungsführung erfordern hohe Ressourcenaufwände und ein konsequentes Vorgehen unter Ausschöpfung aller rechtlichen Möglichkeiten. (...) Geografisch belastet ist insbesondere die Region des Ruhrgebietes.“

Neue Clans drängen auf den Markt

Wer den Clans (neben den Kriminalbeamten) Einhalt gebieten könnte, wird den Gesetzeshütern nicht gefallen. Laut des Lagebilds sind dies nämlich Personen aus anderen Herkunftsregionen und Strukturen. Das Problem dabei: Diese sind ebenfalls als kriminell einzustufen.

So heißt es am Ende des Berichts: „Die kriminellen Angehörigen türkisch-arabischstämmiger Familienverbände sehen sich in den letzten Monaten einem Verdrängungswettbewerb um kriminelle Märkte ausgesetzt, der durch Personen mit Herkunft aus Syrien bzw. dem Irak forciert scheint. Diese konkurrierenden Gruppierungen werden – auch vor dem Hintergrund teilweise aktueller Kriegserfahrungen – im Milieu als besonders durchsetzungsstark und gewalttätig wahrgenommen.“

Wie stark sich dieser Verdrängungswettbewerb zusätzlich auf die öffentliche Sicherheit in Essen und anderen Ruhrgebietsstädten auswirken wird, muss abgewartet werden.

Woher kommen die Clans?

  • Wenn die Rede von kriminellen Araber-Clans ist, sind meist Mitglieder von Großfamilien mit türkisch-arabischen Wurzeln gemeint. In Deutschland gehören nach Schätzungen des Bundeskriminalamts (BKA) rund 200.000 Menschen zu solchen Großfamilien.
  • Die meisten von ihnen sind nicht kriminell. Manche aber haben sich zu mafiösen Gruppierungen zusammengeschlossen, nutzen familiäre Strukturen für kriminelle Geschäfte.
  • Sie leben häufig in einer abgeschottenen Parallelwelt, erkennen staatliche Strukturen nicht an. Straftaten werden zu internen Probleme erklärt, die innerhalb der Familien von sogenannten Friedensrichtern geregelt werden.
  • Viele haben eine türkische (15 Prozent) oder libanesische (31 Prozent) Staatsangehörigkeit, 36 Prozent haben eine deutsche Staatsangehörigkeit, fünf Prozent sind staatenlos.
  • Ausweisungen von Intensivtätern sind entsprechend schwierig

Mhallami kamen aus der Türkei

  • Das wesentlichste Kriterium der Zugehörigkeit des Einzelnen zum Clan ist die tatsächliche familiäre Verwandtschaft. Viele stammen ursprünglich aus dem Libanon, aus Syrien, dem Irak oder der Türkei. Vor allem im Ruhrgebiet wird häufig von Libanesen-Clans gesprochen. Gemeint sind dann kriminelle Mitglieder von Familien, die ursprünglich aus der Türkei und aus Syrien stammen. Sie gehören zu den sogenannten Mhallami, einer arabischstämmigen Volksgruppe.
  • Viele von ihnen wurden nach dem Ersten Weltkrieg aus der Türkei vertrieben und siedelten sich im Libanon an - oft fehlten ihnen die Mittel für Pässe und eine Einbürgerung. Hier lebten viele der Familien am Rand der Gesellschaft Als dort Bürgerkrieg ausbrach (1975 bis 1990), flohen viele der Familien nach Deutschland.
  • Viele haben in ihrer Fluchtbiographie gelernt, sich auf sich selbst und den Familienclan zu verlassen, wenn es ums Überleben geht. Diese Einstellung haben sie gewissermaßen importiert.

Clans in NRW: Viele Familienmitglieder haben nur einen Duldungsstatus

  • Sie kamen über Ost-Berlin in den Westen, beantragten Asyl und wurden auf verschiedene Bundesländern verteilt - vor allem nach Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bremen. Hier gab es einen Abschiebestopp, sie erhielten als Staatenlose direkt eine Duldung und blieben im Land. Bei nicht wenigen blieb der Duldungsstatus bestehen, über Generationen.
  • Menschen mit Duldungstatus haben es auf dem Arbeitsmarkt schwer: Eine selbständige Tätigkeit ist ihnen untersagt, eine Beschäftigung als Arbeitnehmer ist nur auf Antrag und nach Zustimmung durch die Ausländerbehörde möglich. Manche Experten sehen hierin eine mögliche Ursache dafür, dass sich aus der Perspektivlosigkeit heraus kriminelle Netzwerke innerhalb der Familien gebildet haben.
 
 

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