Clan-Strukturen erschweren Integration libanesischer Großfamilien in Essen

Um junge Libanesen zu integrieren, engagieren sich in Essen-Altendorf Jugendliche wie (v.l.) Moussa (17) , Ibrahim (14), Issa Issa, Khalid (16) und Mohamed (12).
Um junge Libanesen zu integrieren, engagieren sich in Essen-Altendorf Jugendliche wie (v.l.) Moussa (17) , Ibrahim (14), Issa Issa, Khalid (16) und Mohamed (12).
Foto: Funke Foto Services
Essener Sozialarbeiter sehen einen Generationenkonflikt innerhalb der 20 libanesischen Familien-Clans, da junge Erwachsene nicht in alten Hierarchien leben wollen.

Essen. Rund 6000 Libanesen leben in Essen. Wie viele von ihnen regelmäßig durch Straftaten auffallen, darauf mag sich kein Verantwortlicher festlegen. Doch als sich die Übergriffe von Clanmitgliedern 2008 häuften, reagierte die Stadt. „Chancen bieten – Grenzen setzen“, hieß das Projekt. Es folgten weitere Initiativen mit Partnern wie Arbeiterwohlfahrt (Awo) und Polizei.

Bei der Stadt wurde als Fachgruppe das Integrationsmanagement beim Jugendamt eigens für die Arbeit mit libanesischen Familien angesiedelt. Sechs Mitarbeiter halten seitdem engen Kontakt zu den Libanesen, die in 20 Familienclans leben. Diese sind wiederum in drei Verbänden organisiert, erklärt Thomas Rüth, der bei der Awo das Jugendhilfe Netzwerk Essen-Nord leitet. Es sind die Strukturen, die die Menschen aus ihren Dörfern nach Deutschland mitbrachten. Während diese ihnen in ihrer Heimat mitunter das Leben sicherten, hemmen sie nun oft das Miteinander und damit die Integration.

Innerhalb eines Clans herrsche eine hohe soziale Kontrolle

Die libanesischen Familien wohnen in Stadtteilen wie Katernberg, Bochold, Altenessen, im Nordvierteloder im Hörsterfeld. Vor allem in Altendorf kam es zuletzt zu heftigen Auseinandersetzungen, da die Familien unterschiedliche Interessen vertreten. Regelmäßig gehe es um organisierte Kriminalität. So gut wie immer klären Libanesen Streit innerhalb ihrer hierarchischen Strukturen. Dazu gehört ein männliches Oberhaupt, das die Interessen nach außen vertritt. Intern hingegen lenkten die Mütter die Großfamilie, bei ihnen liege viel Macht. Das sei für eingeheiratete Frauen nicht immer einfach, sagt Rüth. Wenn sich die jungen Ehefrauen beschweren, könne auch das Konflikte zwischen den Groß-Familien auslösen.

Innerhalb eines Clans herrsche eine hohe soziale Kontrolle. „Die älteren Mitglieder sind sehr darauf bedacht, diese nicht zu verlieren“, sagt der stellvertretende Jugendamtsleiter Ulrich Engelen. Er berichtet von einer jungen Frau, die sich unterstützt von der Jugendhilfe, ihr Leben außerhalb dieser Familienzwänge aufbauen wollte. Sie gab auf, „denn was sie auch tat, es blieb das Gefühl, dass es falsch sei und dass sie nirgends mehr hingehöre.“

„Die jungen Menschen fürchten, in keiner der beiden Welten mehr Fuß zu fassen, wenn sie sich aus familiären Strukturen lösen“, weiß auch Sozialarbeiterin Gisela Peters, die zum Integrationsmanagement gehört. Sie kennt die Schwierigkeiten, die sich auch unter anderem daraus ergeben, dass „libanesische Familien nicht wie wir in einer Individualgesellschaft, sondern in einer Kollektivgemeinschaft leben“.

Libanesische Väter, die an milden Urteilen der deutschen Justiz verzweifeln 

Dabei schämten sich sogar manche jungen Männer wegen der Auseinendersetzungen ihrer Familien. Andererseits gebe es Väter, die an milden Urteilen der deutschen Justiz verzweifeln und nicht mehr wissen, wie sie ihren kriminellen Söhnen begegnen sollen. „Wir brauchen mutigere Urteile, die Grenzen setzen“, fordert Rüth. In Altenessen habe man genau das intensiv betrieben, die Lage habe sich verbessert.

Paralleljustiz contra Rechtsstaat

Hoffnung keimte auch auf, als die Libanesen den Verein Familien Union gründeten. „Wir haben bei der Entwicklung von Satzung und Konzepten wie für die Frauen- und Bildungsarbeit geholfen“, berichtet Rüth von der Zusammenarbeit. Wenn sie Familien erreichen wollten, half eine Einladung der Union. Sie waren zuversichtlich, die Strukturen könnten sich verändern, sagt Gisela Peters. Dann aber zogen die Hoffnungsträger sich zurück. „Wir stellten fest, dass die Ausrichtung des Vereins wechselt“, sagt Engelen. Es gab keine Verlässlichkeit: „Für uns wäre mehr Einheit in der Community wünschenswert, um zu erkennen, wer was vertritt.“

Schwierigkeiten bereite es zudem, Kindern den Rechtsstaat zu vermitteln, wenn zu Hause die Paralleljustiz herrsche. Woran solle sich da ein 15-Jähriger orientieren? Noch immer gibt es Szenen vor Gericht, in denen Beschuldigte und Zeugen vor Gericht Aussagen zurückziehen, die sie bei der Polizei gemacht haben, sagt Rüth. Darum fordert er: „Schon die erste Vernehmung gleich nach der Straftat müsse ein Richter übernehmen.“ Das habe später ganz andere Beweiskraft.

Südländisches Temperament und Erfahren aus dem Krieg im Libanon

Es sind viele Puzzelteile, die die Verantwortlichen als Ursachen für die regelmäßige Konflikte sehen. Zwei weitere sind das südländische Temperament sowie die Erfahrungen, die die Menschen im Bürgerkrieg gemacht haben. Ein Trauma, das sich bis in die dritte Generation fortsetze. Was Rüth aber nicht gelten lässt, ist ein Standardargument, mit dem Libanesen selbst Konflikte und Kriminalität erklären: die Duldung. „Das ist keine Legitimation, um straffällig zu werden.“ Wer sich unzivil verhalte, „dem muss man deutlich auf die Füße treten“, sagt Rüth: „Damit der kleine Rotzlöffel vom Schulhof später nicht ernste Probleme bereitet.“ Es seien schließlich die Kinder und Jugendlichen, die sie erreichen könnten.

Zwischen diesen und deren Eltern sowie Großeltern schwele längst ein Generationenkonflikt, sagen die Verantwortlichen. Bei den jungen Menschen wächst die Zerrissenheit zwischen familiärer Tradition und dem Wunsch, in der westlichen Welt anzukommen. „Die jungen Libanesen haben es schwer, ihren Weg zu finden, ohne den Respekt der Familie zu verlieren“, sagt Gisela Peters. Wohin sich diese junge Genaration entwickelt, sei spannend. Engelen: „Gefahr und Chance liegen dicht beieinander.“

 
 

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