Chefärzte rebellieren gegen Direktor der Essener Uniklinik

Die Uniklinik Essen an der Hufelandstraße. Jetzt rebellieren dort Chefärzte gegen den ärztlichen  Direktor des Klinikums.
Die Uniklinik Essen an der Hufelandstraße. Jetzt rebellieren dort Chefärzte gegen den ärztlichen Direktor des Klinikums.
Foto: Hans Blossey
An der Spitze des Essener Uniklinikums schwelt ein Personalstreit. In einem Brief haben jetzt die Chefärzte des Klinikums erklärt, mit Mehrheit nicht mehr mit dem ärztlichen Direktor des Klinikums zusammenarbeiten zu wollen. Ihm werden unter anderem Unregelmäßigkeiten bei Abrechnungen vorgeworfen.

Essen.. Der Brief der Chefärzte an den Aufsichtsrat der Uniklinik liest sich wie eine schallende Ohrfeige für den Ärztlichen Direktor. Darin heißt es: „Die Direktoren der Kliniken und Institute des Universitätsklinikums in Essen haben mehrheitlich beschlossen, dass sie nicht mehr bereit und willens sind, mit Herrn Professor Eckhard Nagel als ärztlichem Direktor zusammen zu arbeiten.“ Mehrheitlich heißt: Rund zwei Dutzend Chefärzte und Klinik-Direktoren haben den Brief dem Vernehmen nach unterschrieben.

Über die Gründe für diesen drastischen Schritt will sich der Sprecher der Klinik- und Instituts-Chefs, Professor Hans-Christoph Diener, erst persönlich vor dem Aufsichtsrat äußern. Dem Vernehmen nach wirft man Nagel vor, er solle den Fahrdienst der Klinik für familiäre Zwecke eingespannt und bei Dienstreisen nicht das günstigste Transportmittel genutzt haben.

Ärztlicher Direktor zu oft auf Reisen?

Nagel bestreitet das auf Anfrage, will Vorwürfe nicht gelten lassen, er habe für sich andere Regelungen in Anspruch genommen, als sie für andere leitende Angestellte der Uniklinik gelten. Stattdessen verweist er auf Absprachen mit dem ehemaligen Aufsichtsratschef Jochen Melchior und Termingründe, die sein Handeln rechtfertigten. Auch will Nagel nicht bestätigen, dass die Klinik-Chefs „mehrheitlich“ einig seien. „Eine ganze Reihe von Direktoren“ habe ihm seit Bekanntwerden des Briefes Unterstützung zugesichert. Rund 50 Kliniken und Institute hat die Uniklinik.

Die Vorwürfe gegen Nagel mögen wie Petitessen wirken. Ein anderes Gewicht könnten die unterstellten Unregelmäßigkeiten mit dem Blick auf Nagels Vita bekommen. Promovierter Arzt und Philosoph ist er, Mitglied im Deutschen Ethikrat und Träger theologischer Ehrendoktorwürden. Mancher meint, hier höhere moralische Maßstäbe ansetzen zu dürfen. Wahrscheinlich ist aber etwas anderes wichtiger: Einige Chefärzte und Institutschefs bezweifeln, dass Nagel seinem Job an der Uniklinik gerecht wird: „Er ist maximal 30 Prozent der Zeit in Essen, ansonsten ist er unterwegs“, heißt es.

Eng verquickt ist Nagels Tätigkeit an der Uniklinik darüber hinaus mit dem prestigeträchtigen Projekt des Westdeutschen Protonentherapiezentrums. Ein Haus voll neuester Technologie, das vor zwei Jahren fertig werden sollte, doch noch ist unklar, wann dort Patienten behandelt werden können. Kritiker monieren, Nagel trage die Schuld, habe um des Prestiges Willen zu viel gewollt – dabei war das Projekt lange angelaufen, bevor Nagel seine Stelle in Essen antrat. Im neuerlichen Kritikfeuer kochen auch Diskussionen um sein Gehalt wieder hoch: Mit 540 000 Euro ist er der Spitzenverdiener der Uniklinik-Chefs in NRW.

Kaufmännische Klinik-Direktorin vom Dienst suspendiert

Suspendiert von ihren Aufgaben als Kaufmännische Direktorin der Uniklinik wurde Barbara Schulte – mit sofortiger Wirkung. Stellung wollte die Klinik zu dieser „laufenden Personalangelegenheit“ nicht nehmen. Und dies Stillschweigen wird nicht nur öffentlich gewahrt – „auch der Aufsichtsrat ist über Maßnahme und Gründe nicht informiert“, sagt die Aufsichtsrätin und Personalratsvorsitzende Alexandra Willer.

Dem Vernehmen nach, hatte es in den vergangenen Monaten Dissonanzen zwischen dem Ärztlichen Direktor Eckhard Nagel und Barbara Schulte gegeben. Nach einem Millionen-Loch im Haushalt des abgelaufenen Geschäftsjahres habe Schulte abgelehnt, weitere zehn Millionen Euro in das Westdeutsche Protonentherapie-Zentrum (WPZ) zu investieren. Das Zentrum, in dem Tumorpatienten mit modernster Technologie behandelt werden sollen, galt lange als Vorzeigemodell im Gesundheitswesen für Public-Private-Partnership. 80 Millionen Euro waren zu Baubeginn veranschlagt, 120 Millionen Euro flossen schließlich in das Projekt, das vor zwei Jahren fertiggestellt werden sollte – und noch immer nicht läuft.

Die Einrichtung der Technik ist offenbar kompliziert, zudem zeigte sich, dass die Justierung der Bestrahlungsgeräte etwa doppelt so viel Zeit in Anspruch nehmen soll wie ursprünglich angenommen. Folge: Es können weit weniger Patienten behandelt werden als zunächst kalkuliert, was die Einnahmen senkt. Dies würde ein Zögern erklären, Geld nachzuschießen. Die Klinik hat sich verpflichtet, das Zentrum über 15 Jahre zu mieten, bevor sie Eigentümerin wird.

 
 

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