Bundestagswahl in Essen: Karnap war vor vier Jahren AfD-Hochburg – doch dieses Jahr kommt es anders

Bundestagswahl in Essen: In Karnap gewann die AfD 2017 überdurchschnittlich viele Stimmen – wie sieht es in diesem Jahr aus?
Bundestagswahl in Essen: In Karnap gewann die AfD 2017 überdurchschnittlich viele Stimmen – wie sieht es in diesem Jahr aus?
Foto: imago stock&people gmbh

Die Bundestagswahl 2021 ist gelaufen, in Essen und ganz Deutschland haben Wähler ihre Kreuzchen gesetzt.

Dabei gab es – wie in ganz Deutschland – auch in Essen einige Überraschungen oder Änderungen im Vergleich zur letzten Bundestagswahl 2017. Denn in dem Jahr hatte die Alternative für Deutschland (AfD) mit Kandidat Guido Reil im Stadtteil Essen-Karnap die zweitmeisten Erststimmen geholt – rund 20 Prozent. Seine Partei-Nachfolgerin vor Ort, Andrea Pousset, kann in diesem Jahr von solch einem Wert nur träumen.

Bundestagswahl in Essen: AfD stürzt ab – was sind die Gründe?

In Essen stach der Stadtteil Karnap bei der Bundestagswahl 2017 heraus, weil die AfD hier vergleichsweise viel Zuspruch bekam.

So holte Guido Reil in seinem Wohnort fast 24 Prozent der Stimmen, in ganz Essen bekam er sogar 15,8 Prozent der Wählerstimmen. Davon ist Lehrerin und AfD-Kandidatin Andrea Pousset in Karnap in diesem Jahr weit entfernt.

Sie erhielt nur 11,53 Prozent der Stimmen in ihrem Wahlkreis, SPD-Kandidat Dirk Heidenblut verteidigt sein Mandat im Berliner Bundestag. Nur Linken-Kandidat Jules El-Khatib hat bei dieser Bundestagswahl 2021 weniger Stimmen in Essen-Karnap erhalten (4,15 Prozent). CDU, FDP und Grüne liegen vor der AfD-Frau. Auch bei der Zweitstimme holten die Rechtspopulisten gerade einmal 11 Prozent.

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Doch warum wählte der Stadtteil, der vor vier Jahren noch AfD-Hochburg in Essen war, die Partei in diesem Jahr regelrecht ab? Darauf haben die Anwohner mehrere Antworten.

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Das ist die Stadt Essen:

  • geht auf das vor 850 gegründete Frauenstift Essen zurück
  • 582.760 Einwohner, neun Stadtbezirke und 50 Stadtteile, viertgrößte Stadt in NRW
  • seit 1958 Sitz des neugegründeten Bistums Essen
  • einige Wahrzeichen sind Zeche Zollverein, Villa Hügel, Grugapark Essen
  • war 2010 Kulturhauptstadt Europas und 2017 Grüne Hauptstadt Europas
  • Oberbürgermeister ist Thomas Kufen (CDU)

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„Die Wähler haben die AfD durchschaut“, meint der 66-jährige Jochen. Zwar seien die aktuellen Zustimmungswerte für die AfD nach seinem Geschmack noch immer zu hoch – aber der Rentner ist der Meinung, es ging vor vier Jahren für AfD-Wähler in Karnap nicht um die Inhalte, sondern um Protest. Das sieht auch seine Lebensgefährtin Irmi so: „Viele Leute haben vor vier Jahren offen gesagt, dass sie ein Zeichen setzen wollen“, erklärt die 64-Jährige gegenüber DER WESTEN.

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Bundestagswahl in Essen: „Ich muss keinen Guido Reil an der Macht haben, aber es muss sich was ändern“

Ein anderer Essener, der selbst die SPD gewählt hat („Das habe ich schon immer gemacht“) sieht den AfD-Erfolg vor vier Jahren ebenfalls als Protestaktion. Tatsächlich werde in Karnap wenig getan, die Migration habe zugenommen, bestimmte Ecken verwahrlosen – das wurde vielen Menschen zu viel. Ein weiterer Punkt: Kandidat Guido Reil war vor Ort schon bekannt, als SPD-Mann seit 2009 aktiv im Stadtrat bis er von der Arbeiterpartei im Mai 2016 in die AfD wechselte.

Anwohnerin Yvonne, die seit jeher treue Wählerin der SPD ist (und sich „Scholi“ als Kanzler wünscht), sieht die Flüchtlingspolitik als Wahlgrund für die AfD-Wähler in Essen-Karnap – und der 47-Jährigen ist noch etwas anderes aufgefallen: Im Gegensatz zur SPD habe die AfD im Vorfeld der Bundestagswahl 2021 kaum persönlichen Wahlkampf gemacht. „Von der SPD waren hier ganz viele Vertreter, von der AfD gar nicht“, erklärt Yvonne gegenüber DER WESTEN.

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Doch auch wenn die AfD in Karnap Federn lassen musste, so gibt es doch Menschen, die der Partei nicht abgeneigt waren. So wie ein Wahlhelfer in dem Stadtteil, der andeutete, sein Kreuz bei der AfD und Andrea Pousset gemacht zu haben. „Es muss sich was ändern in Deutschland“, gibt er an. „Ich muss keinen Guido Reil an der Macht haben“, erklärt der Essener. „Aber die etablierten Parteien bringen uns allen nichts, es gibt kein Vorankommen.“ Zudem hätte er in seinem Wahlraum die Beobachtung gemacht, dass viele von ihrem Stimmrecht kein Gebrauch machten – von rund 1200 Wahlberechtigen kamen demnach wohl gerade einmal rund 350 Wähler, um ihr Kreuz zu setzen.

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So gilt und galt nicht nur die Wahl der AfD in Essen-Karnap als Zeichen der Unzufriedenheit, sondern auch die komplette Enthaltung. Mehrere Rentner erklärten gegenüber DER WESTEN, gar nicht zur Wahl gegangen zu sein, oder ihren Zettel ungültig gemacht zu haben. „Man hat keine Person gefunden, die etwas macht für die Rentner“, rechtfertigt sich ein älterer Mann.