Bürgerverein Rüttenscheid feiert 65. Geburtstag

Rüttenscheid..  Er installierte das erste behindertengerechte Haus der ganzen Stadt, setzt sich per Vereinssatzung für sozial Benachteiligte ein und feiert in diesem Jahr seinen 65. Geburtstag: Der Bürger- und Verkehrsverein Rüttenscheid (BVR) ist in der Essener Szene der Bürgervereine ziemlich ungewöhnlich.

„Damals war hier ja nicht viel. Ich habe als Kind noch in den Trümmern gespielt“, erinnert sich Heinz-H. Klumpe. Der Zeitpunkt, den er anspricht, lag in der kurzen Ära, die man im allgemeinen die Stunde null nennt. Und unter den Männern, die das erste Mal im Jahr 1949 zusammenkamen, war auch Klumpes Vater Heinrich, Inhaber einer Gaststätte. Der Vater war einer von Wenigen im Nachkriegs-Rüttenscheid, die konsequent das Allgemeinwohl ins Auge fassten. Auch zwei Jahre später kamen zur Vereinsgründung nur sechs oder sieben „Pioniere“.

Unter ihnen war Karl Hohlmann, ein Mann, der Stadtteil und BVR prägen sollte. Schon 1932 wurde der Essener als Bürgermeister nach Sachsen berufen. Nach verschiedenen Stationen innerhalb der Verwaltung kam er 1945 mit schwerer Kopfverletzung in russische Gefangenschaft. Nach langem Leidensweg wurde Hohlmann 1948 offiziell, jedoch krank und hungernd, entlassen. „Ich nehme an, er hat sich im stillen Gebet im Lazarett gesagt: Wenn ich das überstehe, setze ich mich für andere ein“, vermutet Jürgen Büring, Schriftführer des BVR.

Das hat Hohlmann getan. 32 Jahre lang stand er an der Spitze des BVR, gab die ersten Stadtpläne für Blinde heraus, ließ einen Gedenkstein für die „Toten von Rüttenscheid“ vor der Siechenhauskapelle aufstellen, schrieb unermüdlich Anträge an die Politik, so etwa Behinderten durch das Absenken von Bordsteinen das Leben in Rüttenscheid zu erleichtern und linderte Not durch die Weitergabe von Spenden an Bedürftige.

Als BVR-Vorsitzender richtete er 1970 die Jahrtausendfeier für Rüttenscheid aus und hob die „Stiftung Rüttenscheid“ für Kinder mit Behinderung aus der Taufe. Jahrelang waren Hohlmann und seine Mitstreiter dafür auf Spendenfang gewesen. „Der BVR ist der ideelle Träger der Stiftung. Bis heute konnte sie mehr als 350 000 Euro verteilen“, berichtet BVR-Schriftführer Büring, der auch der Vorsitzende des Stiftungskuratoriums ist. „Wir helfen beispielsweise regelmäßig dem Verein für Kinderhilfe oder einem integrativen Hockey-Projekt des Vereins ETB Schwarz-Weiß Essen“, erläutert Gabriele Reinders, Mitglied im Stiftungs-Kuratorium.

Weit seiner Zeit voraus war Hohlmann Ende der 1970er Jahre mit dem Projekt Rüttenscheider Straße 157, dem ersten behindertengerechten Haus der Stadt und bis heute im Vereinsbesitz. Hier wurden zehn Mietwohnungen für Behinderte und sozial Bedürftige eingerichtet.

Einweihen konnte Hohlmann das Gebäude, für dessen Finanzierung er an so viele Türen geklopft hatte, nicht mehr persönlich. Er starb 1982, ein Jahr bevor das dann nach ihm benannte Haus eröffnet wurde. Bis heute befindet sich hier neben dem Blindenverein Essen das Büro des BVR. „Wir kümmern uns um die Themen, die die Bürger an uns herantragen“, erläutert Oliver Ottmann, nach Karl Hohlmann und Herbert Bauckhage erst der dritte Vorsitzende des BVR. Doch das ist untertrieben. Neben den „normalen“ Tätigkeitsbereichen der Stadtteilentwicklung hat sich der Verein auch als Kümmerer profiliert. Während des Gesprächs zu diesem Artikel empfängt Ottmann einen jungen Flüchtling, den der BVR bei der Wohnungssuche begleitet.

Mit aktuell fast 130 Mitgliedern ist die Mitgliederzahl stabil geblieben. Doch immer schwerer fällt es den ehrenamtlichen Mitarbeitern sowohl des Vereins als auch der Stiftung, Spenden für ihre Arbeit zu sammeln. „Dabei ist bei unserem ehrenamtlichen Apparat klar, dass alles Geld nur dem eigentlichen Zweck, der Hilfe, zugutekommt“, so Ottmann.

Aktuell muss er die Umrüstung des Hauses auf Fernwärme stemmen. Doch das sind nur die „kleinen“ Ziele. Denn Ottmann und seine Mitstreiter haben einen Traum: „Wir würden gerne noch ein zweites Haus eröffnen.“

 
 

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