Brühe, Tee und Menschenwürde für Obdachlose in Essen

Helfer in der Not: (v.l.) Saskia, Janita, Sarah, Jasmin, Aslam, Marcel, André, Damien, Tina und Christina mit Bollerwagen und Trolleys am Café Nord.
Helfer in der Not: (v.l.) Saskia, Janita, Sarah, Jasmin, Aslam, Marcel, André, Damien, Tina und Christina mit Bollerwagen und Trolleys am Café Nord.
Foto: Alexandra Roth
Wenn die neue Initiative „Warm durch die Nacht“ Schlafsäcke, Schuhe, Jacken und Lebensmittel an Obdachlose verteilt, kullern einigen Tränen über die Wange.

Essen.. Das Café Nord am Viehofer Platz. Es ist eine bunt zusammengewürfelte Truppe, die sich an diesem kalten, regnerischen Mittwochabend einfindet. Was die elf Aktivisten vorhaben, hat Aslam Khawaja (16) mit einem breiten Filzstift auf die Rückseite seiner gelben Warnweste gekritzelt – das Motto „Warm durch die Nacht“. So heißt die neueste Obdachlosen-Initiative des emsigen Freiwilligen-Netzwerks „Essen packt an!“: Sie verschenken Schlafsäcke und Iso-Matten, heißen Tee und Brühe – und geben Menschenwürde zurück.

André Jendrzeyzak (36), der schon nach dem verheerenden Pfingststurm tatkräftig mit angepackt hat, hat diese Aktion ins Leben gerufen. „Es war eine spontane Idee, Obdachlosen zu helfen.“ Dass die sympathische Sponti-Truppe neuerdings jeden Abend mit einem gut bestückten Bollerwagen durch die weihnachtlich geschmückte Essener Innenstadt zieht, hat sich bei den Bedürftigen wie ein Lauffeuer verbreitet.

„Viele warten sogar schon auf uns“, berichtet der selbstständige Mediendesigner. Wie etwa Dominik (35), der in durchnässten Wollsocken und verschlissenen Pantoffeln zur Marktkirche, der ersten Haltestelle des Trupps, geeilt ist. „Am Trash-Store habe ich eine gute Ecke zum Übernachten gefunden“, erzählt der Obdachlose, der sich jetzt wie ein kleines Kind über ein neues Paar Schuhe freut: gut erhaltene Chucks – ganz in Schwarz und mit blutroten Schnürsenkeln. „Als wir Sonntag jemandem eine neue Jacke gaben, hat er vor Freude geweint“, sagt André.

Es sind die Gestrauchelten und Abgestürzten, die Außenseiter und Verlierer, die die Helfer in den Winkeln der City aufzuspüren suchen. „Nach unten geht’s in unserer Gesellschaft schneller als nach oben“, sagt Aktivistin Janita Juvonen (35), die durch ihre pinkfarbene Punkfrisur auffällt. Und allzu genau weiß, wovon sie spricht. „Ich war selbst über zehn Jahre obdachlos und habe jetzt das Glück, dass ich eine Wohnung und ein normales Leben gefunden habe.“

An Bord des Bollerwagens hat das „Warm durch die Nacht“-Team außerdem Hundefutter, Shampoo, Zahnbürsten und Schokolade. „Nur Bier und Geld verschenken wir nicht“, betonen sie.

Was die Helfer besonders beflügelt, sind die herzzerreißenden Gespräche auf der Straße. Schilderungen, die auch von schlimmer Demütigung und brutaler Ausbeutung handeln, von skrupellosen Vermietern, die Wucherpreise für schäbige Zimmer verlangen oder ein Bett für Sex anbieten. Die Notschlafstelle wiederum würden viele Obdachlose meiden, etwa aus Angst, dort bestohlen zu werden, heißt es.

„Ich habe meinen Schrank ausgeräumt und verteile heute Kleiderspenden“, sagt Helferin Saskia Sanne (25). Die Essenerin ist Stabsunteroffizier der Bundeswehr und betont: „Helfen ist für mich Ehrensache.“ Tina Lunau, die Berufsbetreuerin, nickt. „Helfen ist mein Hobby“, sagt sie. Und erwähnt, dass sie beim Geben übrigens viel zurückbekomme - „die Dankbarkeit und Freude der Menschen.“

 
 

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