Brüder schildern in „Unerwünscht“ ihr Flüchtlingsschicksal

Von Jennifer Schumacher
Arbeitet seit zwei Jahren in Essen als Programmierer für Computerspiele: Milad Sadinam (26), der mit seinen Brüdern „Unerwünscht“ schrieb.
Arbeitet seit zwei Jahren in Essen als Programmierer für Computerspiele: Milad Sadinam (26), der mit seinen Brüdern „Unerwünscht“ schrieb.
Foto: WAZ FotoPool
Der in Essen lebende Milad Sadinam verfasste gemeinsam mit seinen beiden Brüdern die Biografie „Unerwünscht“, in der sie ihr Schicksal schildern, seit sie Mitte der Neunziger aus dem Iran flohen. Das gut ausgebildete Trio rechnet auch mit einer wie sie finden verfehlten deutschen Ausländerpolitik ab.

Essen. Wenn Milad Sadinam schallend laut lacht, von seiner WG mit einer Deutschen, einem Inder und einem Franzosen in Holsterhausen erzählt und mit der Begeisterung eines Kindes von seinem Beruf als Computerspielprogrammierer spricht, dann merkt man dem 26-Jährigen nicht an, welche Odyssee durch die deutsche Bürokratie hinter ihm liegt.

„Unerwünscht - Drei Brüder aus dem Iran erzählen ihre Geschichte“ heißt das Buch, das Milad gemeinsam mit seinen Brüdern Mojtaba und Masoud Anfang des Monats veröffentlichte. Auf 251 Seiten wollen die Brüder aufrütteln - und die deutschen Ausländerbehörden zum Umdenken bewegen. „Es wird immer darüber gesprochen, wie Ausländer sein sollen, dass sie sich integrieren müssen. Dabei tut die deutsche Bürokratie alles, um genau das zu verhindern“, prangert Milad Sadinam an.

"Für jede gelernte Vokabel fünf Pfennig"

1996 kam er mit seinen Brüdern und seiner Mutter, die vom Regime politisch verfolgt wurde, aus dem Iran nach Deutschland. Er erinnert sich noch genau an das Asylheim in Lengerich bei Münster: „Da standen drei Fertighäuser auf dem Parkplatz eines Schwimmbads. An einem der ersten Tage dort kam ein Kind neugierig auf uns zu. Seine Mutter zog es direkt weg.“ Erfahrungen wie diese machen die drei Brüder, denen heute als „Vorzeigemigranten“ auf die Schulter geklopft wird, zu Hauf.

„Ganz zu Anfang wollte meine Mutter mit einer Deutschen ins Gespräch kommen. Dabei stellte sich heraus, dass sie ihr gestohlenes Fahrrad vor dem Asylheim suchte“, sagt Milad. Seine Mutter erkannte früh, dass Bildung der Schlüssel für die Zukunft ihrer drei Söhne ist. Trotz aller Widerstände setzte sie den Wechsel von der Hauptschule aufs Gymnasium durch, lernte mit den drei Kindern Deutsch, bis der Kopf rauchte. „Unsere Mutter hat uns für jede gelernte Vokabel fünf Pfennig gegeben“, weiß Milad noch.

Angst vor Abschiebung 

Dabei steckt der Familie, die getrennt vom Vater lebt, immer die Angst vor der Abschiebung in den Knochen. „Da wir nur geduldet waren, durften wir einen gewissen Radius um Lengerich nicht verlassen. Wollten unsere Freunde ins Kino im 20 Kilometer entfernten Osnabrück, mussten wir Zuhause bleiben. Meine Mutter bekam damals keine Erlaubnis, zur Hochzeit ihres Bruders nach Österreich zu reisen“, sagt Milad Sadinam. Die heute 53-Jährige zerbricht irgendwann an all der Wut und dem Druck, versucht, sich das Leben zu nehmen. „Es war eine schlimme Zeit. Meine Mutter kämpfte drei Jahre lang dafür, als Krankenschwester arbeiten zu dürfen, ihr wurde die Arbeitserlaubnis immer wieder verwehrt. Wir wurden damals gedrängt, iranische Pässe neu zu beantragen und rechneten jede Nacht damit, dass uns die Polizei einsammelt und zum Flughafen bringt“, sagt Milad.

Ende 2004 erhält die Familie durch ein neues Gesetz der rot-grünen Bundesregierung endlich die dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung. Erst seit Beginn diesen Jahres haben Milad und seine Brüder, die in Frankfurt studieren und dort promovieren wollen, die deutsche Staatsangehörigkeit.

Keine "dummen Bombenleger-Witze" in Essen

Bevor er für seinen „Traumjob“, wie er sagt, vor zwei Jahren nach Essen zur Firma „Piranha Bytes“ kam, studierte Milad als Stipendiat der Studienstiftung an der privaten International University in Bruchsal. „Nur wenige Wochen, nachdem wir abgeschoben werden sollten, galten wir auf einmal als Musterbeispiele gelungener Ausländerpolitik, mein Bruder wurde als Stipendiat der Eliteuni WHU damals vom Bundespräsidenten empfangen. Das war so unfassbar scheinheilig“, sagt Milad.

Heute machen alle drei „ihr Ding“ und wollen ihr Leben nicht länger fremdbestimmen lassen. In Essen fühlt sich Milad wohl, will sich hier etwas aufbauen. „Die Menschen begegnen mir hier sehr offen. Dumme Bombenleger-Witze musste ich mir hier noch nicht anhören“, sagt er. Was für Milad Heimat ist? „Heimat ist für mich kein Land sondern meine Familie, meine Freunde, meine Arbeitskollegen - also Menschen, mit denen ich gern zusammen bin.“