Blindenhund darf in Essen nicht mit ins Aalto und die Philharmonie

Claudia Pospieszny
Portrait von Marina Stawitzki und ihrem Hund Hardi. Stawitzki ist blind und auf den Golden Retriever als Blindenhund angewiesen. In der Essener Philharmonie wird ihr dennoch der Zutritt mit Hund verweigert.
Portrait von Marina Stawitzki und ihrem Hund Hardi. Stawitzki ist blind und auf den Golden Retriever als Blindenhund angewiesen. In der Essener Philharmonie wird ihr dennoch der Zutritt mit Hund verweigert.
Foto: WAZ FotoPool
Die Essener Philharmonie verweigert der 1990 erblindeten Marina Stawitzki und ihrem Blindenhund den Einlass. Die Kompromiss-Angebote - etwa eine Betreuung des Hundes im Foyer und freier Eintritt für eine Begleitperson, lehnt die Behinderte ab. Nun ist ein offener Streit über das generelle Verbot der Theater und Philharmonie GmbH (TuP) entbrannt.

Essen. Was Marina Stawitzki ihr Hund bedeutet? „Freiheit.“ Er führt sie Stufen hinab, ist Orientierung in dichtem Verkehr, Einkaufshelfer im Supermarkt. Sie verlässt sich auf Hardi, denn Marina Stawitzki ist blind. So ist der Blindenhund im Alltag die Lösung – und wird in der Freizeit zum Problem. Aalto-Oper, Philharmonie und Grillo-Theater wollen dem Golden Retriever ihre Türen nicht öffnen, was die 57-Jährige empört und bei der Theater und Philharmonie GmbH (TuP) zu heftigen Diskussionen führt. Das Problem verstehe man, „aber in die Philharmonie passen 1900 Gäste.“ Manche könnten Angst haben oder Allergien, sagt TuP-Sprecher Christoph Dittmann.

Es geht konkret um das Charity-Konzert „Crossover in den Frühling“ in der Philharmonie. Marina Stawitzki wäre gern mit Hund hingegangen. Die TuP hätte sie gern willkommen geheißen – ohne Hund. Argumente prallen aufeinander bis beide Seiten zum Schluss kommen: Es geht ums Prinzip. Prinzipiell will die TuP alle Gäste zufrieden stellen. Und ebenso prinzipiell fordert Marina Stawitzki ihr Recht auf Barrierefreiheit und Teilhabe ein, „zumal es sich um eine städtische Einrichtung handelt“.

Verhärtete Fronten

Die TuP sieht das ein – sucht nach Ausweichmöglichkeiten: „Wir würden den Hund im Foyer betreuen. Alternativ könnte kostenlos eine Begleitperson mit ins Konzert gehen“, sagt Dittmann. Für annehmbare Kompromisse hält dies auch die Mitarbeiterin des Kulturbüros Ulrike Vetter. Nicht so Marina Stawitzki: „Ich habe ja keinen Blindenhund, damit ich ihn bei fremden Menschen abstelle. Wenn ich jetzt nachgebe, wo hört es dann auf? Darf der Hund dann nicht mehr mit zum Einkaufen? Muss ich ihn draußen anbinden, wenn ich zum Arzt gehe?“

Die Haltung der TuP konterkariere die Idee des Blindenhundes als Helfer in allen Lebenslagen. „In den USA darf ein Blindenhund an jeden Ort, den auch Menschen betreten.“

Emotion gegen Ratio

Die TuP bedauert: „Intendanz und Geschäftsführung “, sagt Dittmann, „haben sich auf eine klare Linie geeinigt.“ Nur scheint die nicht jedem klar zu sein. „Im Grillo-Theater war ich schon mit meinem Hund“, sagt Stawitzki. „Dort war man sehr bemüht und entgegenkommend.“ Doch Rrums – auch diese Tür kracht nun ins Schloss. „Vielleicht haben bislang nicht alle Mitarbeiter gewusst, dass Hunde verboten sind“, sagt Dittmann, „jetzt wissen sie es“.

Emotion gegen Ratio: Am gestrigen Nachmittag lieferten sich beide Seiten über die Medien einen Schlagabtausch. Klar ist zu diesem Zeitpunkt: Marina Stawitzki wird am Abend nicht dabei sein. Damit hätte die Diskussion beendet sein können. Soll sie aber nicht, wenn es nach der 57-Jährigen, die 1990 erblindete, geht. „Wenn man mich heute nicht rein lässt, muss morgen der nächste draußen bleiben. Das ist keine Art, mit Behinderten umzugehen.“

Ein Einwurf, den Dittmann so nicht stehen lässt: „Wir haben in jeder Spielzeit über 1000 Behinderte in unseren Häusern.“ Zertifiziert seien die TuP-Einrichtungen als barrierefrei. Nur bezieht sich dies Zertifikat auf Zwei- und nicht auf Vierbeiner.