Bildungsorte für Kinder sind in Essen überall

Prof. Dr. Dr. Dr. Wassilios Fthenakis referierte über "Familie und Bildungs-Institutionen als Ko-Konstrukteure kindlicher Bildungsbiographien" in der Lichtburg.
Prof. Dr. Dr. Dr. Wassilios Fthenakis referierte über "Familie und Bildungs-Institutionen als Ko-Konstrukteure kindlicher Bildungsbiographien" in der Lichtburg.
Foto: WAZ FotoPool
Jedes Kind braucht Bildung. Doch wo und wie wird sie am besten vermittelt? An einem eher ungewöhnlichen Ort diskutierten dieses Thema Erzieher und Eltern auf der Fachtagung des Kita Zweckverbandes. In der Essener Lichtburg wurde dabei vor allem eins deutlich: Orte zum Lernen gibt es überall.

Essen. Dort, wo normalerweise großes Kino über die Leinwand flimmert, sorgte gestern das reale Leben mit all seinen Facetten für gute Unterhaltung vor der Leinwand. Auf der Bühne der Lichtburg standen die Kleinsten der Kleinen im Mittelpunkt: Gut 800 Erzieher und Eltern nahmen auf Einladung des Zweckverbandes der katholischen Tageseinrichtungen für Kinder des Bistums Essen in den Kinosesseln Platz, um sich über frühkindliche Bildung auszutauschen.

„Familie, das bin ich!? Kinder unter drei - Bildung von Anfang an“: Die zentrale Bedeutung der Zusammenarbeit von Eltern und Kita-Mitarbeitern für die Entwicklung von Kindern zog sich wie ein roter Faden durch das Programm, das auch für Nicht-Erzieher einen hohen Unterhaltungswert bot. Was vor allem an einem Mann lag: Wassilios Fthenakis, Professor für Entwicklungspsychologie und Anthropologie an der Freien Universität Bozen, referierte nicht nur über seine Erkenntnisse zur Frühpädagogik, sondern reflektierte selbst-ironisch die aktuelle Familien- und Bildungspolitik. „Ich bin gekommen, um Sie zu unterhalten und ich denke, das hier ist der richtige Ort dafür.“

Fthenakis übt harsche Kritik am deutschen Bildungssystem

Anschaulich skizzierte der Familienforscher die Wandlungen im Familienbild, nahm die alte Vorstellung des Mannes als Brotverdiener humorvoll aufs Korn („Schauen Sie mich an, mit 74 Jahren arbeite ich an drei Unis parallel und habe vor, mit 80 in Teilzeit zu gehen.“) und verlor dennoch nie die eigentliche Thematik aus dem Blick. Nie habe es so viel Diskontinuität in Familienbiografien gegeben wie heute. „Gerade in solchen Umbruchphasen, die beispielsweise eine Trennung mit sich bringt, sind Familien offen für Hilfe, und da muss sie ihnen angeboten werden“, appellierte Fthenakis an die Erzieher.

Harsche Kritik übte der Entwicklungspsychologe am aktuellen deutschen Bildungssystem: „Es ist völlig falsch, davon auszugehen, dass die Bildungssysteme des 20. Jahrhunderts den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gewachsen sind. Heute geht es nicht mehr nur um die Vermittlung von Wissen; die eigentliche Bildungsarbeit leisten wir über die Betonung der jeweiligen Stärken der Kinder, sei es im naturwissenschaftlichen oder im sprachlichen Bereich.“ Diese Neuausrichtung des Bildungssystems hätte bereits vor 40 Jahren begonnen werden müssen, „späte kosmetische Maßnahmen wie die aktuelle Umstrukturierung des Schulsystems helfen da nicht mehr.“

Forderung nach Konzentration auf frühkindliche Bildung

Die Forderung des Familienforschers an die Politik, die Finanzierung des Bildungssystems auf die frühkindliche Bildung zu konzentrieren, brachte Fthenakis spontanen Zwischenapplaus. „In den ersten drei bis fünf Lebensjahren eines Kindes zeigt sich der höchste Nutzen von Bildungsgeldern - warum investieren wir dann immer noch dort am meisten, wo vieles bereits zu spät ist?“

Mit seinem Plädoyer für einen gemeinsamen „Bildungsort“ aus Familie und Kita sprach Fthenakis offenbar vielen Erziehern aus der Seele. „Das ist wie in einem Ruderboot, da müssen auch alle in dieselbe Richtung gehen“, sah sich Heike Christmann, Leiterin einer Kita in Essen-Schönebeck, bestätigt. Auch ihr Kollege Danny Bomblatus war von dem Vortrag begeistert: „Professor Fthenakis hat gezeigt, wie wichtig es ist, dass wir mit den Eltern gemeinsam an der frühkindlichen Bildung arbeiten und ihnen zeigen, was das heute bedeutet.“

 
 

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