Bilder eines Ausnahmezustands

Ein Krankenwagen in Aleppo, zerstört bei einem Raketenangriff. Dieses ist eines der Fotos, die der Essener Fotograf Boris Niehaus auf seiner Reise durch Syrien machte.
Ein Krankenwagen in Aleppo, zerstört bei einem Raketenangriff. Dieses ist eines der Fotos, die der Essener Fotograf Boris Niehaus auf seiner Reise durch Syrien machte.
Foto: NRZ
Der Essener Fotograf Boris Niehaus reiste im Dezember nach Syrien und dokumentierte Szenen des Bürgerkriegs. Seinen Freunden und Verwandten erzählte er von seiner Undercover-Reise nichts.

Essen.. Er ist niemand, der Pläne macht. Das sagt Boris Niehaus über sich selbst. Eine Sache gab es allerdings doch, die sich der Essener Fotograf, der seit acht Jahren in Berlin lebt, einst zum Ziel gesetzt hat: ein Mal in eine Krisenregion reisen, um dort Bilder zu machen. Aufnahmen vom Alltag im Ausnahmezustand, Aufnahmen der ungeschönten Realität eines Bürgerkriegs. Angetrieben von Neugierde und begünstigt vom Zufall reist der 30-Jährige kurz vor Weihnachten 2012 nach Syrien. Was er aus fünf Tagen im Chaos mit bringt, ist mehr als eine beeindruckende Bilderstrecke.

Es hätte auch Afghanistan sein können, fast wäre es Ägypten gewesen in jenen Tagen, das Visum war bereits beantragt, es scheiterte kurzfristig an den Behörden vor Ort. In jedem Fall sollte es ein Kriegsgebiet sein, keine „Streetart“ – Straßenkunst –, die dem Künstler normalerweise vor die Linse kommt. Krieg kannte Niehaus nur aus den Nachrichten, der Bundeswehr hatte er den Zivildienst vorgezogen. Doch als ihm ein befreundeter Fotograf Anfang Dezember anbot, ihn nach Syrien zu begleiten, zögerte er nicht.

Die schusssichere Weste im Koffer

„Ich hatte keine Erwartungen, aber relativ viel Schiss.“ Der 30-Jährige beschreibt sein Gefühl kurz vor der Abreise zwischen Spannung und Angst. Knapp eine Woche blieb ihm vom Angebot bis zum Aufbruch in die Türkei. Er habe die Nachrichten aufgesogen, einen Reiseführer besorgt, befreundete Syrer in Berlin und im Ruhrgebiet angerufen und ausgefragt. „Ich wollte mir schnell mehr Klarheit schaffen, aber es wurde alles noch diffuser“, so Niehaus.

Familie und Freunden erzählte er erst gar nichts von seinem Vorhaben, wohl auch, weil er wusste, wie naiv es eigentlich war. Rund 50 Journalisten sind in Syrien seit Beginn des Bürgerkriegs umgekommen. Immerhin: Reisepartner Thomas Rassloff, ebenfalls Fotograf und Kriegsreporter, war bereits zuvor in Syrien gewesen und hatte eine zweite schusssichere Weste für Niehaus im Koffer.

Mit denen, ihren Kameras und etwas Geld geht es am 16. Dezember 2012 zunächst nach Kilis, einer türkischen Provinz im Südosten Kleinasiens, in Grenznähe zu Syrien. Der weitere Weg führt mit dem Taxi zur Grenze, zu Fuß durch eine Zwei-Kilometer-Schleuse aus Stacheldraht, die durch ein Minenfeld zum Grenzposten führt, an der die syrische Armee streng kontrolliert. „Zum ersten Mal habe ich da bewaffnete Männer in Tarnkleidung gesehen“, erzählt Niehaus. Dass er sich wenige Tage später an die dröhnende Geräuschkulisse von Bomben, Mörsergranaten und Schüssen so gewöhnt haben wird, dass er sie nur noch als „Grundrauschen“ wahrnimmt, habe er sich da noch nicht vorstellen können.

Niehaus schreibt "Briefe aus Aleppo"

Sie lassen sich über Schleichwege nach Aleppo bringen, vorbei an Flüchtlingslagern in teils katastrophalem Zustand. Was in den darauffolgenden Tagen in der nordsyrischen Metropole, die sich zu dem Zeitpunkt bereits mehr als 21 Monate im Krieg befindet, passiert, beschreibt Boris Niehaus als Schlacht. Und er schreibt es auf. In seinem Internet-Blog verfasst er „Briefe aus Aleppo“, in denen er anschaulich und schonungslos seine Erlebnisse und Eindrücke festhält.

„Hunderte Sachen passieren gleichzeitig, und ich frage mich, wie es wohl ist, weggesprengt zu werden und hoffe, wenn schon, dann gleich tot zu sein“, schreibt Niehaus am ersten Tag. Tatsächlich sei es einige Male brenzlig gewesen. „Ich wäre drei Mal fast gestorben“, erinnert sich der 30-Jährige. Nur wenige Momente, bevor sie einmal in die Stadt zurückfuhren, habe es einen Raketeneinschlag gegeben, der einen der wenigen Krankenwagen zerstörte – und drei Menschenleben forderte. Der Tod wartet an jeder Straßenecke, er gehört zum Alltag. „So lange einem nichts passiert, ist alles gut“, sagt Niehaus. Leichen habe er nicht gesehen, „zum Glück“. Das einzige, wovor er Angst hatte, sei eine Entführung durch die Rebellen gewesen. Die meiste Zeit unterlag die Angst ohnehin dem Adrenalin. Das merkt Niehaus erst, als er fünf Tage später im Hotelzimmer in der Türkei liegt. Und es wieder still ist.

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