Behinderten-WGs suchen neue Rund-um-die-Uhr-Betreuer

Herzstück ist die Küche im Haus: Marianne Fabeck und Wolfgang Gutbier gehen bald in Rente. Als Gast:  Krankenschwester Nadine Münster schaut regelmäßig vorbei.
Herzstück ist die Küche im Haus: Marianne Fabeck und Wolfgang Gutbier gehen bald in Rente. Als Gast: Krankenschwester Nadine Münster schaut regelmäßig vorbei.
Foto: Lars Heidrich / Funke foto Services
Warum ein Leben mit Behinderten kein Aufopfern ist, sondern viel Freiheit mit sich bringt. Drei „Arche“-Wohngemeinschaften gibt es in Essen

Essen.. Sie sind keine Betreuer und keine Pfleger. Betreuer und Pfleger verlassen ja irgendwann jene, für deren Wohlergehen sie zuständig sind, und gehen wieder nach Hause, hinaus aus den Sozialeinrichtungen, in der sie arbeiten.

Doch diese stattliche Villa mitten in Steele, die „Arche“, ist keine Einrichtung, sondern ein Zuhause. Es ist das Zuhause von Marianne Fabeck und Wolfgang Gutbier, und hier wohnen auch vier Frauen mit geistigen und körperlichen Behinderungen, es sind Claudia, Eva, Kirsten und Susanne. Susanne ist so schwer behindert, dass sie die meiste Zeit im Bett liegen muss. Die anderen gehen tagsüber arbeiten in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung.

Gibt man nicht völlig sein Privates auf?

Insgesamt drei solcher Wohngemeinschaften gibt es im Stadtgebiet, drei „Archen“, Träger ist ein gleichnamiger Verein, ihr Tarifgehalt beziehen Marianne Fabeck und Wolfgang Gutbier über die Landeskirche und vom Landschaftsverband. Marianne Fabeck hat früher, über Jahrzehnte, in einem Büro gearbetet, Gutbier war bei der Eisenbahn. Beide sagen: „Wir haben unseren Beschluss, hier zu wohnen, zu arbeiten und zu leben, nie bereut.“ Seit 14 Jahren gibt es die „Arche“.

Aber gibt man nicht völlig sein Privates auf? „Man muss Feuer gefangen haben für die Sache. Man muss Menschen mögen, sich ganz einbringen wollen, dann ist es ganz einfach.“ Mit Menschen zusammen zu sein, dass muss jenem etwas sehr viel wert sein, der in einer „Arche“ glücklich sein will.

Der Verein sucht jetzt neue Erwachsene, die sich auf das Abenteuer „Gelebte Inklusion“ einlassen möchten. „Pflege-Kenntnisse sind wünschenswert, aber nicht notwendig“, sagen Fabeck und Gutbier. „Wichtiger ist Lebenserfahrung.“ Also: In eine „Arche“ einzuziehen, ist wohl nichts für Berufsanfänger. Am Anfang stehen einige Trainingswochen, um zu sehen, ob das Miteinander wirklich klappt. Selbstreflektionsvermögen, sagt Marianne Fabeck, sei ein wichtiges Kriterium.

"Es ist kein Aufopfern"

Sie legen Wert auf gemeinsame Rituale, gemeinsame Feiern, und donnerstagsabends wird zusammen das Haus geputzt, nachher gibt es, wie immer, Miracoli. „Backen und Kochen sind wichtige Tätigkeiten, das sollte man schon können“, meint Gutbier. Und Marianne Fabeck legt Wert auf die Feststellung: „Natürlich teilt man hier Vieles. Und trotzdem hat jeder sein eigenes Zimmer, es ist kein Aufopfern.“ Wenn sie an ihre früheren Jahre im Büro denkt, dann findet sie heute: „Meine innere Freiheit ist größer als je zuvor.“

Gut ein halbes Dutzend Pflegekräfte verrichtet die täglichen Notwendigkeiten, die im Leben von Menschen mit Behinderungen dazu gehören. Diese Leute, wichtige Stützen, kommen und gehen, während Fabeck und Gutbier bleiben. Bis sie in Rente gehen. Beide sind jetzt 64, und fast stellen sie das mit Bedauern fest.

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