Behinderte verändern das Klima an Schulen in Essen

Martin Spletter
Derzeit besuchen zehn behinderte Kinder die Alfred Krupp Schule in Essen-Frohnhausen. Seitdem gehört die Frage „Kann ich dir helfen?“ zu  den Schulstandards.
Derzeit besuchen zehn behinderte Kinder die Alfred Krupp Schule in Essen-Frohnhausen. Seitdem gehört die Frage „Kann ich dir helfen?“ zu den Schulstandards.
Foto: Oliver Müller NRZ
Seit 2011 nimmt die Alfred-Krupp-Schule als erstes Gymnasium auch Behinderte auf. Weitere Essener Gymnasien sollen diesem Beispiel folgen. Der Direktor zieht Bilanz: Was dabei gut läuft, und was nicht.

Essen. Behinderte an regulären Schulen - wie soll das gehen? Das Thema „Inklusion“ wird überall diskutiert, seitdem eine UN-Konvention festgelegt hat, dass Behinderte das Recht auf einen Platz in einer Schule haben, die keine Förderschule ist. In Düsseldorf gibt es einen Entwurf des kommenden Schulgesetzes, in dem steht: Es soll der Normalfall sein, dass Behinderte nicht zur Förderschule gehen.

Ein erstes Essener Gymnasium richtete 2011 die erste „integrative Lerngruppe“ pro Jahrgang ein - das Alfred-Krupp-Gymnasium in Frohnhausen. Weitere Gymnasien sollen folgen, viele Schulnamen machen in Gerüchten derzeit die Runde, entschieden ist nichts.

Die Schule verändert sich

Berthold Urch, Leiter der Krupp-Schule, sagt: „Es ist gut, dass wir uns dazu entschlossen haben. Die ganze Schule verändert sich dadurch.“ Urch verschweigt die Schwierigkeiten nicht: „Es sind viele praktische Dinge, die Sie neu durchdenken müssen.“ Beispiel Stundentafel: Behinderte Schüler werden nach Hauptschul-Standards unterrichtet. Die Hauptschul-Standards sehen fünf Stunden Deutschunterricht pro Woche vor.

Die Standards für Gymnasien aber nur vier. „Wir geben jetzt allen Schülern fünf Stunden Deutsch“, sagt Urch. „Wir regeln das mit unserem Kontingent an Ergänzungsstunden.“ Doch was wird nach der Stufe sechs, wenn Schüler sitzenbleiben können? „Die Schüler der integrativen Lerngruppen können nicht sitzenbleiben. Aber die anderen in der Klasse schon. Obwohl die ja höhere Leistungen erzielen. Das zu vermitteln, ist pädagogische Herausforderung.“

Drei verschiedene Bewertungsmaßstäbe

Oder die Zeugnisse: „Sie können bei den Kindern in den integrativen Gruppen drei verschiedene Bewertungsmaßstäbe anlegen“, erklärt Urch: „Den Hauptschulstandard, den gymnasialen Standard - oder den Förderschulstandard.“ Denn tatsächlich kämen manche Förderschul-Kandidaten im Gymnasium auf gymnasiales Niveau – in Fächern wie Sport zum Beispiel. „Doch bei Mathe oder einer Fremdsprache“, berichtet Urch, „merkt man dann aber schnell die Unterschiede.“ Ohnehin: „Die Förderschule wird weiterhin gebraucht. Es wird immer Schüler geben, für die sie das Beste ist.“

Das Schulklima in Frohnhausen habe sich geändert, seitdem Behinderte da sind: Die Frage „Kann ich dir helfen“ sei neuer Standard in den Klassen. Die Lehrer wendeten ihre sonderpädagogischen Methoden, die sie neu gelernt haben, jetzt auch in den anderen Klassen an. „Das alles geht sowieso nur mit Lehrern, die mitmachen wollen“, sagt der Schulleiter. Und, ganz wichtig: „Ohne doppelte Besetzung in den Klassen funktioniert es nicht.“ So lange es für diese Schulen mehr Personal gibt, könne Inklusion Wirklichkeit werden. „Aber Inklusion wollen und dabei Geld sparen“, sagt Urch, „wird nicht funktionieren.“