Bauingenieur aus Essen als Kopf einer internationalen Schleuserbande angeklagt

Stefan Wette
Hanna L. (li.) berät sich mit seinem Anwalt.
Hanna L. (li.) berät sich mit seinem Anwalt.
Foto: Stefan Wette
Humanitäre Fluchthelfer oder profitgierige Menschenschmuggler? Vor dieser Frage steht die XV. Essener Strafkammer. Angeklagt sind sechs Männer, die als mutmaßliche Mitglieder einer Schleuserbande vor allem Menschen aus Syrien und Irak nach Deutschland geholt haben sollen. Hauptangeklagter ist ein angesehener Bauingenieur aus dem Essener Süden.

Essen. Der 58-jährige Hanna L., ein gebürtiger Syrer, gilt als Schlüsselfigur. In Essen-Heidhausen, wo die Grundstückspreise ein wenig höher liegen, lebt er in einem schmucken Einfamilienhaus. Er arbeitet bei einem großen Essener Baukonzern. Voll integriert, so kann man ihn bezeichnen. Er stellt sich den Vorwürfen, lässt sich problemlos im Gerichtssaal fotografieren. Nein, unkenntlich machen müsse man sein Gesicht nicht, sagt er.

Im Januar hatte die Nachricht von der erfolgreichen bundesweiten Razzia gegen eine internationale Schleuserbande noch kein Gesicht. Am 29. Januar hatte die Bundespolizei ihn festgenommen. Zweieinhalb Monate saß er in U-Haft. Er kam frei, weil er die äußeren Fakten der Vorwürfe eingeräumt hatte. Aber er legt Wert darauf, dass man auch seine Motive versteht. „Mein Mandant sieht sich als Fluchthelfer für Menschen aus einem Bürgerkriegsland“, sagt sein Verteidiger Volker Schröder.

Honorar betrug bis zu 17.000 Euro pro Person

Hawala-Banker ist er in der muslimischen Welt. Die Rede ist von einem Geldtransfer, der keine Kontobewegungen kennt, sondern nur Vertrauen. Von Hand zu Hand wird Bargeld weitergereicht. So sympathisch dieser Weg klingt, so vorteilhaft ist er natürlich auch für Menschen, die ihre Transaktionen nicht dem Staat offenbaren wollen. In Deutschland ist Hawala-Banking strafbar, betont das Landgericht.

In der Praxis trafen sich Syrer oder Iraker, die einen Verwandten nach Deutschland holen wollten, mit Hanna L.. Sie gaben ihm das Schleuserhonorar, bis zu 17.000 Euro für einen Menschen, und er rief in Syrien seinen Bruder an, um die Einzahlung zu melden. Der Bruder gab dann den Schleusern grünes Licht. Überreicht wurde das Bargeld, das auf verschlungenen Wegen zwischen Deutschland und der arabischen Welt zirkuliert, erst dann, wenn die Menschen erfolgreich in Deutschland angekommen waren. Bis zu sieben Prozent kassierte der Heidhauser Halawa-Banker von dem Schleuser-Honorar.

Verteidigung beschreibt Angeklagte als humanitäre Fluchthelfer

International besetzt ist die Anklagebank. Männer aus Mailand, Paris sitzen dort. Sie alle sollen an der Schleusung beteiligt gewesen sein. 61 Anklagepunkte listet Staatsanwalt Thomas Merz auf. Viele Aktionen gingen gut aus. Aber die Fahnder hatten auch von dramatischen Szenen gehört. Etwa von einer Schleusung per Schiff von der Türkei nach Italien. 35 Flüchtlinge unter Deck auf einem kleinen Schiff. Hungern mussten sie, hatten nur verunreinigtes Wasser. Als die türkische Marine kam, seien sie von den Schleusern mit vorgehaltener Waffe ins Wasser gedrängt worden. Auch die Nichtschwimmer. Irgendwie hätten sie das nahe gelegene Ufer erreicht, erzählten die Flüchtlinge.

Worauf die Verteidigungsstrategie zielt, wird nach Verlesung der Anklage deutlich. Anwältin Christiane Theile beantragt, das Verfahren einzustellen, weil die Flüchtlinge in Deutschland asylberechtigt gewesen seien. Andere Verteidiger schließen sich dem Antrag an. Nicht nur der Hawala-Banker, alle Angeklagte sehen sich offenbar als humanitäre Fluchthelfer.